Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Wohlgeborner Herr!
Verehrtester Freund!

Ich blieb noch drei Wochen in Carlsbad, nachdem Sie es verlaßen1, und machte dann verschiedene, eher ermüdende als angenehme, Reisen durch Böhmen, Oestreich und Steiermark. Wir besuchten in Linz eine Cousine2 meiner Frau, sie erkrankte und starb, während wir da waren, die wohlthätigen Wirkungen der Heilquellen wurden mit einem Schlage vernichtet und meine arme Pepi3 befindet sich eben so leidend, als sie es im vorigen Winter war, ein höchst unangenehmer Umstand für mich, der ich am liebsten zu Hause und im Kreise der Meinigen bin. Mit dieser unerquicklichen Vorrede glaubte ich meinen etwas verspäteten Brief anfangen und entschuldigen zu müßen. Es gab viele Geschäfte und gerichtliche Schreibereien, die mich ganz in Anspruch nahmen.
Im Anschluße erhalten Sie die versprochene, von Mozart angefangene, von Sechter mit Geschick vollendete, Instrumentalfuge. Sogleich habe ich das Vernügen zu melden, daß Ihre schöne Hymne schon hier ist und wir damit in See stechen werden, wenn wir sie ordentlich beweiben können, denn die Bemannung hat keinen Anstand; aber lieber verschieben, als nur halb gelungen aufführen, das ist mein Grundsatz, mit welchem Sie einverstanden sein werden. Ihre schöne Concertouverture in C, eine schöne Jugendarbeit, voll Feuer und Kraft, steht auch schon auf unserem Programm.4 Ich hoffe, Verehrtester, Sie haben Ihre gütige Zusage wegen des Vater Unser nicht vergessen und die Blasinstrumente durch volles Orchester ersetzt.5 Mit großer Ungeduld erwarten wir Ihre Partitur, die ich uns auf dem kürzesten Wege, durch Postwagen, an mich bei Haslinger, baldigst zu schicken bitte. Sie wird eine der größten Zierden unserer Concerte hier und der Aufführung wollen wie die größte Sorgfalt widmen. Aber bald, ja bald, denn der Frühling ist kurz und in den Fasten geht unsere Arbeit aus.
Der musikalischen Neuigkeiten gibt es nicht viele. Als Sie kaum abgereist waren, kam Tomaschek nach Carlsbad, nach ihm Dessauer und andere mindern Gehaltes. Miss Kemble reisete nach Italien und sie ist für den Frühling nach Triest engagirt.6 Hier haben wir nun Ihren vormaligen Schüler Molique, der ein ebenso verdienstvoller Componist als Violinspieler geworden ist und gestern mit allgemeinem Beifalle sein drittes Concert gab.7 Die Gebrüder Moralt aus München sind auch hier und geben abonirte Quartette, aber mit nur mittelmäßigem Erfolge.8 Wir haben schon mehreres besseres gehört. Thalberg wollte zwei Concerte geben und hätte einige tausend Gulden eingenommen; er sagte wieder ab, trug sich dann selbst an, hier ein wohlthätige Anstalt zu spielen, gab dann noch ein Abschiedsconcert und bewies großen Mangel an Tact, der doch im Leben eben so nothwendig als in der Musik ist. Alle entschieden sich auch dafür, daß, was bei Liszt Genie, bei ihm nur Talent ist das in seinen Manieren der Hofmeister überall durchblickt. Es ist auch schwer, halb grand seigneur und halb Künstler zu sein.9 Die Aufführung der Jahreszeiten von Haydn war nur das erstemal gelungen und brachte überhaupt mehr Ehre als Geld der Gesellschaft ein.10 Die Oper Turandot, von einem Dilettanten geschrieben, mißfiel halb11 und der arme Kreutzer wurde mit seiner Höhle von Waverly ausgezischt, was sowol der Dichter als er selbst verschuldet haben.12 Der teutschen Weise blühen hier keine Rosen und ich bin begierig, was Lindpaintner mit seiner Genueserin, die wir im Februar bekommen, machen wird.13 Im Kärntnerthortheater haben wir jetzt französische Comödie und ich glaube, die Zeit ist nicht mehr fern, wo sich bei uns die Theaterverhältnisse ebenso wie in Italien gestalten werden; die Sänger und Sängerinnen schießen wie Glückspilze hervor und haben in der Regel nur das Leben der Pilze; unsere Oper dreht sich jetzt um die Lutzer, die Stimme und Geläufigkeit14, dafür aber, wie man15 sagt, 12000 f jährlich hat. Sabine Heinefetter gastirt mit mäßigem Glücke16, Schebest ist, ohne zu singen, wieder abereiset17, schad um die Lobpreisungen der Scribler hier und in Paris.
Entschuldigen Sie mein vieles Plaudern oder vielmehr vergeben Sie mir es mit Gleichem. Ich sehe baldigsten Nachrichten von Ihnen entgegen so wie Ihrer sehnlich erwarteten Partitur Meine Familie und ich empfehlen uns bestens der Frau Gemahlin und Frau Schwiegermutter.18 Viel Schöne an beiden und Sie. Ich bin mit Hochachtung und wahrer Ergebenheit

Wohlgeborner Herr!
Ihr ergebenster Diener
Lannoy.
Wien 9. Deceb. 1838



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lannoy an Spohr, 03.03.1838. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lannoy an Spohr, 02.05.1839, aus dem sich noch ein derzeit verschollener Brief von Spohr an Lannoy erschließen lässt.

[1] Zum gemeinsamen Aufenthalt der Ehepaare Lannoy und Spohr in Karlsbad vgl. Marianne Spohr, Tagebucheinträge 13.-26.07.1838.

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] Abk. f. „Josephine“.

[4] Vgl. „Das zweyten Concert spirituel am 21. Februar“, in: Allgemeiner Musikalischer Anzeiger 11 (1839), S. 61ff., hier S. 62.

[5] Bei den Konzerten am 24. und 25.03.1839 erklang die Komposition noch in der Fassung mit Blasorchester; Spohr instrumentierte sie erst 1845 für Sinfonieorchester (vgl. Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 429ff.). Zunächst zur Aufführung in den Concerts spiritutels bestimmt, überließ diese Gesellschaft die Komposition der Gesellschaft der Tonkünstler ( Heinrich Adami, „Wien. K. K. Hoftheater nächst der Burg“, in: Allgemeine Theaterzeitung und Originalblatt für Kunst, Literatur, Musik, Mode und geselliges Leben (1839), S. 302f. , hier S. 303). Zur Wiener Aufführung vgl. auch „Wien“, in: Allgemeiner Musikalischer Anzeiger 11 (1839), S. 99; -h-, „Große musikalische Akademie, veranstaltet von der Gesellschaft der Tonkünstler zum Besten des Pensions-Institutes ihrer Witwen und Waisen“, in: Humorist 3 (1839), S. 242f., hier S. 242; W., „Musikalische Akademie im k. k. Hofburgtheater“, in: Adler (1839), S. 214.

[6] Zu Adelaide Kemble 1838 in Karlsbad vgl. Jos[eph] Joh[annes] Lenhart, Carlsbads Memorabilien vom Jahre 1325 bis 1839, Prag 1840, S. 449ff.; M. Kaufmann, „Musikalische Denkwürdigkeiten aus dem Alt-Karlsbader Badeleben“, in: Neue Zeitschrift für Musik 87 (1920), S. 27f. und 47f., hier S. 48.

[7] Vgl. -h-, „Molique’s drittes Concert, am 8. December“, in: Humorist 3 (1839), S. 828.

[8] Vgl. -h-, „Erste Quartett-Unterhaltung der Brüder Moralt, Mitglieder der k. bairischen Hofkapelle, im Saale des Musikvereins“, in: Humorist 3 (1839), S. 811.

[9] Deutlicher positiver bewertet: „Thalberg“, in: Carlo, „Thalberg“, in: Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode (1838), S. 1172-1175; -h-, „Concert, zum Besten der Armen, veranstaltet von der Gesellschaft der adeligen Frauen zur Beförderung des Guten und Nützlichen; im Saale der Gesellschaft der Musikfreunde, am 17. November. Unter Mitwirkung des k. k. Kammervirtuosen Siegmund Thalberg“, in: Humorist 3 (1839), S. 794f.

[10] Vgl. Carlo, „Musikfest in Wien. Haydn’s Jahreszeiten. Aufgeführt in der k. k. Winterreitschule am 4., 8. und 11. November“, in: Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode (1838), S. 1099-1104.

[11] Zu Turandot von J. Hoven (Pseud. f. Johann Versque von Püttlingen) vgl. Max Schmidt, „Silhouetten aus Wien“, in: Österreichisches Morgenblatt 3 (1838), S. 494; Heinrich Aue, „Den 3. d. M. zum ersten Mahle: Turandot, Prinzessin von Schiras. Große Oper in 2 Acten, bearbeitet nach Schiller. Musik von J. Hoven“, in: Sammler (1838), 468; Carlo, „Turandot, Prinzessin von Schiras. Große Oper in Zwey Acten, bearbeitet nach Schiller. Musik von J. Hoven“, in: Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode (1838), S. 982ff.

[12] Vgl. C.T., „Freytag den 8. Februar zum ersten Mahle]“, in: Allgemeiner musikalischer Anzeiger 10 (1838), S. 52-54; -h-, „K. K. Hoftheater nächst dem Kärntherthore“, in: Humorist 2 (1838), S. 818f.; „[Am 5. wurde im Hofoperntheater zum ersten Mahl gegeben]“, in: Allgemeiner Musikalischer Anzeiger 10 (1838), S. 203.

[13] Vgl. -h-, „K. K. Hoftheater nächst dem Kärntherthore“, in: Humorist 2 (1838), S. 119f.; W., „K. K. Hoftheater nächst dem Kärntherthore“, in: Adler (1838), S. 156.

[14] Vgl. z.B. Heinrich Adami, „K. K. Hoftheater nächst dem Kärntherthore“, in: Allgemeine Theaterzeitung und Originalblatt für Kunst, Literatur, Musik, Mode und geselliges Leben 31 (1838), S. 1090f., hier S. 1090; -h-, „K. K. Hoftheater nächst dem Kärntherthore“, in: Humorist 2 (1838), S. 806f., hier S. 807.

[15] „man“ über der Zeile eingefügt.

[16] Vgl. z.B. Heinrich Adami, „K. K. Hoftheater nächst dem Kärntherthore“, in: Allgemeine Theaterzeitung und Originalblatt für Kunst, Literatur, Musik, Mode und geselliges Leben 31 (1838), S. 1162.

[17] Vgl. „Aus der Musikwelt“, in: Allgemeine Theaterzeitung und Originalblatt für Kunst, Literatur, Musik, Mode und geselliges Leben 31 (1838), S. 1100.

[18] Louise Pfeiffer.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit nicht in den Anmerkungen anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.11.2021).