Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 2° Ms. mus. 1500[Sp. 75,72

Sr. Wohlgeb.
Herrn Musikdirektor Böhme
in
Dordrecht.

franco1


Cassel den 13ten Juni
1859

Lieber Herr Böhme,
Geehrter Freund,

So freundlich auch Ihre Einladung lautet, und so gern wir ihr gefolgt wären, so müssen wir, alles überlegt ihr doch entsagen, da wir erst vor 2 Jahren dieselbe Reise gemacht haben und Sie damals zu großen Kosten veranlaßten wozu wir Sie nicht schon wieder veranlassen dürfen! Da Sie mir überdies schreiben, daß man das projectirte Musikfest in Arnheim wieder aufgegeben hat, so wäre auch nicht die mindeste Veranlassung die Reise zu machen und Sie so bald wieder2 zu großen Kosten zu veranlassen. Lieber wollen wir noch einige Jahre damit warten und eine besondere Veranlassung dazu abwarten.
Vieleicht bekommt man in irgend einer holländischen Stadt einmal Lust ein Musikfest zu veranstalten und dazu eins meiner Oratorien zu erwählen. Oder wäre es auch nur ein großes Concert3 aus Kompositionen von mir zusammen gesetzt4, so wäre das für mich eine angenehme und erwünschte Veranlassung wieder eine Reise nach Holland zu machen.5
Vieleicht bekommen Sie selbst oder Herr Kufferath in Ihren Wohnstädten etwa Lust etwas der Art zu unternehmen, oder in einer Ihrer Städte gemeinschaftlich mit vereinten Kräften und gemeinschaftlichem Risico, welches übrigens, besonders wenn es in Utrecht, der größern und reichern Stadt stattfände nicht so groß seyn würde!
Ein solches gemeinschaftliches Unternehmen, an welchem ich mich dann auch persönlich beteiligen würde, wäre mir allerdings die angenehmste Veranlassung zu einer abermaligen Reise nach Holland.
Mit meinem Befinden geht es jetzt etwas besser wie früher. Sehr oft gelingt es mir, ein 2tes Mal in der Nacht einzuschlafen und dann wie in gesunden Tagen bis zum Morgen im Bett zu bleiben.
Indem ich nochmals für Ihre freundliche Einladung herzlichst danke, grüße ich Sie herzlichst und innig als der Ihrige
Louis Spohr.


Indem ich mir erlaube, in meinem und meiner Schwester Namen Ihnen noch einen besonderen Dank für die auch an uns gerichtete so freundliche Einladung auszusprechen, kann ich nicht unterlassen, noch ein paar kleine Bemerkungen beizufügen: 1) daß Spohr besonders die erste Seite seines Briefes in großer Zerstreuung mit vielfachen Unterbrechungen geschrieben hat, wodurch die vielen Wort-Wiederholungen, die sehr komisch aussehen, entstanden sind; – 2) daß ich mich wundere und freue, daß er so großartige Luftschlösser für mehre Jahre hinaus baut, während er am Anfang des Frühjahrs öfter zu meiner Betrübniß die Meinung aussprach [es] werde wohl sein letztes sein, und überhaupt solche größ[ere] Reisen doch jetzt schon sehr beschwerlich für ihn sind. In Detmold war es herrlich, wahre Festtage zu Ehren Spohrs6, ganz denen in Meiningen7. Von dem Haupt-Concert lege ich ein Programm bei, da ich weiß, wie Ihr treues Herz sich für alles interessirt, was Spohr angeht. – Entschuldigen Sie die sehr große Eile und Flüchtigkeit dieser meiner Zeilen, und bewahren Sie uns Ihre freundliche Gesin[nung]

Ergebenst
Marianne Spohr

Autor(en): Spohr, Louis
Spohr, Marianne
Adressat(en): Böhme, Ferdinand
Erwähnte Personen: Kufferath, Johann Hermann
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Detmold
Meiningen
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Detmold>
Hofkapelle <Meiningen>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1859061310

http://bit.ly/3eGaNtQ

Spohr



[1] Auf dem Adressfeld befinden sich außerdem die Poststempel: „FRANCO“, „CASSEL / 13 / 6(?) / 1859 / 6 [???] N“, „WARBURG / 14 6 / DÜSSELDRF.“ und „DORDRECHT / 15 / 6 / 1859“.

[2] „ so bald wieder“ über der Zeile eingefügt.

[3] Hier gestrichen: „was man“.

[4] Hier gestrichen: „wäre“ über einem anderen gestrichenen Wort.

[5] Hier gestrichen: „Aber ohne alle weitere Veranlassung und in der Voraussetzung Ihnen viel Last und große Kosten zu verursachen, kann ich mich nicht dazu entschließen.“

[6] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheinträge 01.-06.05.1859; Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 400.

[7] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheinträge 10.-14.04.1859; Selbstbiographie, Bd. 2, S. 397ff.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (01.06.2020).