Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochgeehrtester Herr General-Musikdirector!

In meinem ganzen Leben, bin ich nicht so freudig überrascht, als durch Ihren lieben Brief. So wird denn nun meine sehnlichster Wunsch erfüllt, Sie hochverehrter Meister hier zu sehen. Gleichzeitig aber bin ich ein wenig bange daß nämlich Fräulein Horsley unsere Capelle bei Ihnen zu sehr gelobt haben dürfte, und die Capelle nun Ihren Erwartungen nicht entspräche. Sie sind von jeher
jedoch nachsichtig mit den Künstlern gewesen, und darauf hin wage ich es Ihnen meine Capelle vorzuführen. Der Fürst läßt Sie grüßen und trug mir noch auf Ihnen zu sagen, daß er sich sehr darauf freue den großen Meister persönlich kennen zu lernen; ebenso sind die übrigen fürstl. Personen entzückt, Sie in Detmold zu sehen. Sr. Durchlaucht haben bestimmt daß am 3ten Mai im Schauspielhause ein großes Concert Ihnen zu Ehren gegeben werden solle und hat der Fürst selbst das Programm bestimmt, wovon ich Ihnen jedoch noch nichts mittheilen möchte. Noch meinte der Fürst, ob Sie nicht lieber erst am 1sten oder 2ten Mai hier eintreffen möchten, indem Sonntag und Montag die beiden letzten Theatervorstellungen statt finden, wo wir Sie dann nicht mit den Ihnen gebührenden Ehren empfangen könnten. Ich ersuche Sie mir gütigst Ihren Entschluß an welchem Tage Sie hier eintreffen werden mitzutheilen. Sie werden mit der Aufnahme seitens des Hofes und des Publikums gewiß zufrieden sein. Man freut sich allgemein, daß Sie unserer Stadt die Ehre Ihres Besuches schenken wollen. Wenn wir nur gutes Wetter bekommen, damit Sie und die verehrte Frau Gemahlin nebst Schwester1 auch von unserer wirklich schönen Gegend etwas profitiren könnten. Wenn Sie von Paderborn nach Detmold fahren, so kommen Sie durch eine unserer schönsten Waldparthien, und rathe Ihnen bei den Externsteinen 2 Stunde vor Detmold2 anzuhalten, und diese große Naturmerkwürdigkeit zu besehen. In Detmold würden Sie im Gasthofe zur „Stadt Frankfurt“ bei Hr. Brockmann absteigen. Nun habe ich von Seiten der Capelle noch eine Bitte vorzutragen, daß Sie der Capelle eben die Ehre erweisen möchten, wie der Meininger3, nämlich wenigstens die Sinfonie dirigiren zu wollen. Ich bin nur bange, daß die Horsley uns bei Ihnen zu sehr herausgestrichen hat, namentlich bitte auch für mich um Nachsicht, indem der Fürst darauf besteht daß ich in dem Concerte selbst spielen soll. Leider bin ich mit der Oper so sehr beschäftigt gewesen, daß ich an Violinspielen wenig habe denken können. Ich werde mit Bargher Ihr schönes Doppel-Concert op. 48 spielen. Höchstwahrscheinlich werden wir auch noch ein Hofconcert haben, wozu ich die Sinfonie Nro 3 bestimmt habe; wünschen Sie aber eine andere, so bitte ich gütigst nur bestimmen zu wollen.
Unser Hofmarschall läßt sich Ihnen und der Frau Gemahlin bestens empfehlen. Sie werden Ihn vielleicht noch kennen sein Name ist von Meysenbug. Nun hochgeehrter Herr bitte ich mir Ihre Willensmeinung in Betreff Ihrer Ankunft wissen zu lassen. Bitte mich der Frau Gemahlin nebst Schwester zu empfehlen und in der freudigen Erwartung Sie bald persönlich begrüßen und Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen zu können bleibe ich wie immer

Ew. Hochwohlgebor
gehorsamster
Diener
AugKiel

Detmold d 19ten Aprill 1859.

Autor(en): Kiel, August
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Bargheer, Carl Louis
Brockmann, August
Horsley, Sophie
Leopold III. Lippe-Detmold, Fürst
Meysenbug, Karl von
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Konzerte, Vl 1 2 Orch, op. 48
Spohr, Louis : Sinfonien, op. 78
Erwähnte Orte: Detmold
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Detmold>
Hoftheater <Detmold>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1859041938

http://bit.ly/29tznQJ

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Kiel, 16.04.1859. Spohr beantwortete diesen Brief am 22.04.1859.

[1] Caroline Pfeiffer.

[2] „2 Stunde vor Detmold” über der Zeile eingefügt.

[3] Vgl. „Louis Spohr. Aus Meiningen”, in: Niederrheinische Musik-Zeitung 7 (1859), S. 149f., hier S. 149.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.07.2016).