Autograf: letzter Nachweis siehe Druck 2
Druck 1: Briefe von und an Joseph Joachim, hrsg. v. Johannes Joachim und Andreas Moser, Bd. 2, Berlin 1912, S. 50ff.
Druck 2: Der Autographensammler (= Katalog Stargardt 533), Marburg 1957, S. 32 (teilweise)

Caßel den 24sten Januar 1859.

Hochgeehrter Herr und Freund,

In seiner Neujahrsgratulation1 meldete mir Kömpel voller Freude, daß er im 2ten Ihrer dortigen Abonnement Concerte die Ehre und das Glück haben würde, meine 2te Concertante in H moll mit Ihnen zu spielen2, und sprach den Wunsch aus, daß ich herüberkommen möge, um sie mit anzuhören. Leider war ich damals nicht ganz wohl und durfte daher Mitte Winter es nicht wagen, die Reise zu machen.
Seit der Zeit hat er mir nun abermals geschrieben3 und sagt unter anderm, das Auftreten mit Ihnen habe ihm so viel Ehre und Ruhm gebracht, daß er noch gar nicht recht wiße, wie ihm eigentlich geschehen sey, und voller Freude fügt er hinzu, Sie hätten nachher geäußert: Sie würden, wenn Sie mir damit eine Freude bereiten könnten, die Concertante nochmals mit ihm in Caßel wiederholen. Ist diese Äußerung wirklich von Ihnen geschehen und haben Sie vieleicht de Absicht, eine größere Kunstreise über Caßel anzutreten? ich hörte kürzlich von einer Reihe von Concerten, die Sie in Wien zu geben gedächten – so könnte mich in der That nichts mehr erfreuen, als Sie einmal hier in einer meiner Lieblingskompositionen zu bewundern und die Veranlassung zu seyn, daß eins unserer Abonnementconcerte durch einen fremden Künstler reich ausgestaltet würde, während mein Nachfolger, Kapellmeister Reis deren vorigen und diesen Winter schon eine ganze Reihe derselben in dieser Weise ausgestaltet und unserer Wittwenkaße dadurch zu glänzenden Einnahmen verholfen hat. So noch das letzte unserer Concerte, welches durch die Anwesenheit der Harfenistin Frl. Mösner und des Geigers Herren Weißenborn aus Weimar verherrlicht wurden. Sollte Sie also Herr Reis zu einem der nächsten Concerte einladen, so gedenken Sie wohlwollend und freundlich Ihrer Äußerung und nehmen Sie Ihren Weg über Caßel.
Gewiß würde dann auch Herr Amtstrath Lueder einmal wieder uns besuchen und Zeuge Ihrer Triumphe sein wollen.
Herr Zillinger war einen Tag hier und hat mir ihre Grüße überbracht. Er hatte die Absicht nach Naumburg zu reisen und sich um die dortige Stadtmusikdirector-Stelle zu bewerben. Ich gab ihm zu dem Behuf einen Brief an den dortigen Musikfreund Herrn Oberweg mit4, der ihm dann auch zur Erlangung der Stelle behülflich gewesen ist. Heute früh kam er von dort zurück und fühlte sich sehr glücklich, sein projektirtes Auswandern nach Südamerika nun aufgeben zu können.
Mit inniger Freundschaft ganz

der Ihrige
Louis Spohr

N.S. Herrn Kömpel bitte ich herzlich zu grüßen. Ich laße ihm für seine beiden freundlichen Briefe bestens danken.

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Joachim, Joseph
Erwähnte Personen: Kömpel, August
Lueder, Christian Friedrich
Mösner, Marie
Overweg, Carl
Reiss, Carl
Weißenborn, August Friedrich
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Konzerte, Vl 1 2 Orch, op. 88
Erwähnte Orte: Hannover
Kassel
Wien
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Hannover>
Hofkapelle <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1859012414

http://bit.ly/2coaerH

Spohr



Der letzte überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Joachim, 24.01.1859.

[1] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[2] Dieses Konzert fand am 08.01.1859 statt (Georg Fischer, Musik in Hannover, 2. Aufl., Hannover und Leipzig 1903, S. 251).

[3] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[4] Dieser Brief an Carl Overweg ist derzeit verschollen. Möglicherweise hatte sich Zillinger auf Joachims Rat auf die Naumburger Stelle beworben (vgl. „Minden”, in: Allgemeine musikalische Zeitung NF 3 (1865), Sp. 284ff., hier Sp. 285).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.09.2016).