Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck 1: Louis Spohr, Louis Spohr's Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 393 (teilweise)
Druck 2: La Mara (= Pseud. für Marie Lipsius), Classisches und Romantisches aus der Tonwelt, Leipzig 1892, S. 160f. (teilweise)

((Cassel, den 6ten November 1859.1
 
Geliebter Freund,
 
Wenn wir durch unser schnelles Zurückeilen nach Cassel einer Musikparthie aus dem Wege gegangen sind, so müssen wir das allerdings bedauern, denn)) ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr uns alles, was wir von Musik in Leipzig gehört haben, diesmal gefallen hat! ((Daher hat es uns auch hauptsächlich leid gethan, Ihr Kirchenconcert nicht mehr erlebt zu haben mit Ihrer neuesten Komposition.)) Bey dem frommen Eindruck den Ihre Motette am Sonntage auf uns machte, bin ich sehr geneigt, dem Urtheile Ihrer musikalischen Freunde beyzustimmen und beneide Sie nicht wenig, daß Sie noch so rüstig fortarbeiten können, während ich mit allem Schaffen und ((Selbstmusikmachen))/<Selbstmusizieren> leider völlig am Ende bin! [...]
Gestern bekam ich vom musik. Kritiker Zellner aus Wien, den ich bey dem Prager Jubileum hatte kennen lernen, die Nachricht2, daß ((in Wien))/<dasselbst> im Laufe dieses Winters eins meiner Oratorien aufgeführt werden soll, und lud mich Namens der Unternehmer ein, ((dazu hinzukommen und)) die Direction desselben zu übernehmen. Vor einer Reihe von Jahren hatte der dortige ((Östreichsche))/<österreichische> Verein die Absicht<,> meinen Fall Babylons als Musikfest in der kaiserl<ichen> Reitschule zu geben.3 Damals war aber selbst mit Hülfe Metternichs der Urlaub für mich nicht auszuwirken.4 Jetzt wo ich abkommen könnte, muß ich, da ich invalide bin, und die Reise im Winter zu weit und zu beschwerlich ist, von Neuem verzichten. Ich werde daher ablehnen5, und mich mit kleinern Reisen in der guten Jahreszeit begnügen. Allein Kämpfe und Verstimmung sind bey solcher Gelegenheit unausbleiblich! und so ((mögte man lieber in der Lage der persönlichen Bekannten seyn,)) <möchte man das Loos mehrerer persönlicher Bekannten beneiden,> die in den letzten Tagen unerwartet gestorben sind. — —
((Beykommend übersende ich Ihnen das Album-Blatt für Frl. Moscheles und hoffe, daß es Ihnen so recht seyn werde!
Herzliche Grüße an alle die lieben Ihriges!
Mit treuer Freundschaft ganz
 
Ihr
Louis Spohr.))

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Hauptmann, Moritz
Erwähnte Personen: Metternich, Klemens Wenzel Lothar von
Moscheles, Clara
Zellner, Leopold Alexander
Erwähnte Kompositionen: Hauptmann, Moritz : Motetten, op. 45
Spohr, Louis : Der Fall Babylons
Erwähnte Orte: Leipzig
Prag
Wien
Erwähnte Institutionen: Gesellschaft der Musikfreunde <Wien>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1858110603

http://bit.ly/2nnjH8Y

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hauptmann an Spohr, 03.11.1858. Hauptmann beantwortete diesen Brief am 19.11.1858.
Der Text ist aus beiden Textfassung kompiliert. Ergänzungen von Druck 2 gegenüber Druck 1 sind mit doppelten runden Klammern (( )) kenntlich gemacht, Ergänzungen von Druck 1 gegenüber Druck 2 mit dreieckigen <>.
 
[1] Anmerkung in Druck 2: „Muß 1858 heißen, was auch mit des Empfängers Tagebüchern übereinstimmt. Am 6. Nov. 1859 war Spohr nicht mehr am Leben“.
 
[2] Dieser Brief ist derzeit verschollen.
 
[3] Vgl. „Hr. Louis Spohr“, in: Wanderer 33 (1846), S. 884.
 
[4] Vgl. „Das Wiener Musikfest“, in: Allgemeine Theaterzeitung 39 (1846), S. 1075.

[5] [Ergänzung 14.04.2021:] Dieser Brief ist derzeit verschollen.
 
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.03.2017).

[...] ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr uns alles, was wir von Musik in Leipzig gehört haben, diesmal gefallen hat! [...] Bey dem frommen Eindruck den Ihre Motette am Sonntage auf uns machte, bin ich sehr geneigt, dem Urtheile Ihrer musikalischen Freunde beyzustimmen und beneide Sie nicht wenig, daß Sie noch so rüstig fortarbeiten können, während ich mit allem Schaffen und Selbstmusizieren leider völlig am Ende bin! [...]
Gestern bekam ich vom musik. Kritiker Zellner aus Wien, den ich bey dem Prager Jubileum hatte kennen lernen, die Nachricht, daß dasselbst im Laufe dieses Winters eins meiner Oratorien aufgeführt werden soll, und lud mich Namens der Unternehmer ein die Direction desselben zu übernehmen. Vor einer Reihe von Jahren hatte der dortige österreichische Verein die Absicht, meinen Fall Babylons als Musikfest in der kaiserllichen Reitschule zu geben. Damals war aber selbst mit Hülfe Metternichs der Urlaub für mich nicht auszuwirken. Jetzt wo ich abkommen könnte, muß ich, da ich invalide bin, und die Reise im Winter zu weit und zu beschwerlich ist, von Neuem verzichten. Ich werde daher ablehnen, und mich mit kleinern Reisen in der guten Jahreszeit begnügen. Allein Kämpfe und Verstimmung sind bey solcher Gelegenheit unausbleiblich! und so möchte man das Loos mehrerer persönlicher Bekannten beneiden, die in den letzten Tagen unerwartet gestorben sind. [...]

Cassel, den 6ten November 1859.
 
Geliebter Freund,
 
Wenn wir durch unser schnelles Zurückeilen nach Cassel einer Musikparthie aus dem Wege gegangen sind, so müssen wir das allerdings bedauern, denn ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr uns alles, was wir von Musik in Leipzig gehört haben, diesmal gefallen hat! Daher hat es uns auch hauptsächlich leid gethan, Ihr Kirchenconcert nicht mehr erlebt zu haben mit Ihrer neuesten Komposition. Bey dem frommen Eindruck den Ihre Motette am Sonntage auf uns machte, bin ich sehr geneigt, dem Urtheile Ihrer musikalischen Freunde beyzustimmen und beneide Sie nicht wenig, daß Sie noch so rüstig fortarbeiten können, während ich mit allem Schaffen und Selbstmusikmachen leider völlig am Ende bin! [...]
Gestern bekam ich vom musik. Kritiker Zellner aus Wien, den ich bey dem Prager Jubileum hatte kennen lernen, die Nachricht, daß in Wien im Laufe dieses Winters eins meiner Oratorien aufgeführt werden soll, und lud mich Namens der Unternehmer ein dazu hinzukommen und die Direction desselben zu übernehmen. Vor einer Reihe von Jahren hatte der dortige Ostreichsche Verein die Absicht meinen Fall Babylons als Musikfest in der kaiserl. Reitschule zu geben. Damals war aber selbst mit Hülfe Metternichs der Urlaub für mich nicht auszuwirken. Jetzt wo ich abkommen könnte, muß ich, da ich invalide bin, und die Reise im Winter zu weit und zu beschwerlich ist, von Neuem verzichten. Ich werde daher ablehnen, und mich mit kleinern Reisen in der guten Jahreszeit begnügen. Allein Kämpfe und Verstimmung sind bey solcher Gelegenheit unausbleiblich! und so mögte man lieber in der Lage der persönlichen Bekannten seyn, die in den letzten Tagen unerwartet gestorben sind. — —
Beykommend übersende ich Ihnen das Album-Blatt für Frl. Moscheles und hoffe, daß es Ihnen so recht seyn werde!
Herzliche Grüße an alle die lieben Ihriges!
Mit treuer Freundschaft ganz
 
Ihr
Louis Spohr.