Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Meiningen, den 5ten April 1857.

Hochgeehrter Herr Kapellmeister!

Zu Ihrem heutigen Geburtstage erlaube ich mir Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch darzubringen, und ist es mir nur unangenehm, daß ich Ihnen gestern nicht schreiben konnte, da jetzt die Gratulation nicht zur richtigen Zeit an Sie gelangt. Allein als ich gestern Morgen in Begriff war den Brief anzufangen, wurde mir die Mittheilung gemacht, daß die letzte Opernvorstellung in dieser Saison, wozu man Zampa neu einstudirt, und zu deren Direction ich mich bereit erklärt hatte, anstatt nächsten Mittwoch, schon Dienstag sein soll, wodurch ich gezwungen war sogleich eine Zimmerprobe zu halten. Nach derselben mußte ich – da ich Mittags der Hofcapelle als ihr neuer Kapellmeister vorgestellt werden sollte – den höchsten Herrschaften meine Aufwartung machen. Danach hatte ich kaum Zeit mich etwas zu erholen, indem ich in die Theaterprobe mußte, welche nur etwas über 4 Stunden dauerte. Ich war dann so erschöpft, daß ich zu gar nichts fähig war, und es doch zu spät gewesen wäre, den Brief mit der Abendpost noch weiter befördern zu können. Sie werden wohl deßhalb die Verzögerung meines Glückwunsches entschuldigen. – Von meiner Mutter habe ich erfahren, daß Sie die Freundlichkeit gehabt haben, an Benedict wegen meines Spiels in London zu schreiben.1 Ob derselbe günstig für mich geantwortet hat, wußte sie nun nicht; aber wenn dies auch wäre, so muß ich doch erst noch ungefähr 14 Tage vergehen laßen, um beurtheilen zu können, ob ich in diesem Jahre eine solche Anstrengung vertragen kann. Ich möchte natürlich in London auch als ein nicht gerade unwürdiger Schüler meines großen Meisters auftreten. – Mein hiesiger Arzt meint, es wäre möglich, daß ich noch über einen Monat brauchte bis ich mich vollständig erholt haben würde, aber eben so gut könne ich in ganzu kurzuer Zeit mich wohl fühlen. Einen bestimmten Entschluß kann ich also jetzt noch nicht faßen. – Wenn mir je eine Krankheit so zur Unzeit kam, so war es diese, da dadurch meine Kunstreise, deren Anfang in jeder Hinsicht von dem günstigsten Erfolg begleitet war, unterbrochen wurde. Die Krankheit, – welche in einem acuten Gelenk-Rheumatismus bestand –, trat mit einer solchen Heftigkeit auf, daß ich 5 Wochen lag, ohne mich bewegen zu können. Eine starke Erkältung, die ich einige Wochen lang nicht beachtet hatte, dabei reiste & Concerte gab, war wohl Schuld an dem hohen Grade.2 Ich glaube, ich hätte mich nicht schlechter befinden können, selbst wenn ich alle simphonische Dichtungen von Liszt hinter einander gehört hätte, und das will viel sagen. Daß mir Liszt während meiner Anwesenheit in Weimar nicht eine davon auf dem Klavier vorspielte – was er sehr gern thun soll – erfüllt mich mit besonderen Dank für ihn. Aber dafür sang und spielte er mir seine große Messe vor, in der aber wirklich viel Schönes zu finden ist. Er hat die Grenzen doch nicht zu sehr überschritten, obgleich auch Dinge darin vorkommen, mit welchen Sie gewiß nicht einverstandne sein würden. – Als er die Partitur nahm, dachte ich schon, daß es mir nach den Anhören dieses Opus wie Jenem gehen würde, von dem die Bibel sagt, „Er ging hinaus und weinte bitterlich.“3 – Übrigens wurde ich von ihm sowie von den andern dortigen Zukunftsmusikern auf die liebenswürdigste Weise aufgenommen. –
So eben kommt ein Diener des Herzogs, zu dem ich gleich kommen soll. Wahrscheinlcih will er wegen verschiedener Vorschläge zur Verbesserung der Capelle, die ich gemacht habe, mit mir sprechen. Ich muß deshalb schließen und ersuche Sie mich Ihrer Frau Gemahlin zu empfehlen.
Mit vorzüglichster Hochachtung verbleibe ich

Ihr
dankbarer Schüler
Jean Joseph Bott.

Autor(en): Bott, Jean Joseph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Benedict, Julius
Bott, Christine
Liszt, Franz
Erwähnte Kompositionen: Liszt, Franz : Missa solemnis
Erwähnte Orte: London
Meiningen
Weimar
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Meiningen>
Hoftheater <Meiningen>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1857040540

http://bit.ly/3tg0s0y

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Bott, 04.10.1852. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Bott an Spohr, 01.12.1857.

[1] Derzeit nicht ermittelt.

[2] Vgl. „Meiningen“, in: Süddeutsche Musik-Zeitung 6 (1857), S. 68.

[3] Matthäus 26,75; Lukas 22,62.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.02.2022).