Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18570403>

Breslau 3 April 57

Hochgeehrtester Freund und Gönner!

Zuvörderst meinen herzlichsten und innigsten Glückwunsch zu Ihrem Geburtstage. Ich setze voraus, daß Sie denselben mit derselben Kraft und Rüstigkeit begehen, wie die früheren, und gebe mich der Hoffnung hin, dies recht bald in einem gütigen Schreiben von Ihrer Hand bestätigt zu sehen. Wie geht es in musikalischer Hinsicht in Kassel, namentlich seit Botts Abgang? Haben Sie viel Schönes musizirt? Unser Winter war wieder sehr reich an Musik. Gegen 90 Sinfoniekonzerte fanden hier statt. In dem Benefiz für Blecha gaben wir unter meinere Leitung die 9te Sinfonie von Beethoven und die Faustouverture von R. Wagner, ein recht interessantes Werk; in demselben Konzerte spielte ich ein Klavierkonzert von Beethoven; von Ihren Sinfonien gaben wir No. 2, 3 und 4. Von fremden Künstlern war das jüngere Quartett der Gebrüder Müller mit ihrem Vater Carl Müller hier; sie spielten gut zusammen, sind aber noch keineswegs die Alten; doch war es interessant sie zu hören. Bott gab drei Konzerte im Theater, wo er uns mit Ihren Konzerten No. 10 u. 12 entzückte. Ihre schönen Salonstücke habe ich viel mit ihm gespielt. Außerdem ließen sich auch Pianisten hören, R. Willmers, ohne besonderes Interesse für Kunst, er spielt nur seine seichten Salonsachen, Nanette Falk und der kleine Arthur Napoleon. Vorigen Sonnabend gab Mosevius mit 300 Personen den Elias von Mendelssohn sehr schön, in der Aula, und die Schöpfung steht im Theater noch in Aussicht. Berühmte Schauspieler gastiren fortwährend, Emil u. Carl Devrient, die Seebach, Dawison etc. Ihr Faust kommt nächstens wieder daran. Mit Ihrem Schüler Landowski, der hier Kaufmann ist, spiele ich oft; nächstens wollen wir Ihr köstliches spanisches Rondo und das G moll-Duo in einem mus. Zirkel vortragen. Im Augenblick regt der Riese Murphy unsere Stadt auf, er besucht die öffentlichen Etablissements gegen Honorar von Seiten des Wirthes, er ist ein junger wohlgebauter proportionierter, hübscher Mann, seine Größe beträgt 2 Fuß mehr als die Ihrige; tritt er plötzlich zu einer Thür herein, so wird man förmlich beklommen, er läßt große Männer mit Hüten auf den Köpfen unter seinem Arm durchpassieren.1 Das wäre so in Kürze das Bemerkenswertheste. Ich bin recht begierig nun von Ihnen, mein hochverehrter Gönner, zu hören, wie es Ihnen geht. Mein Danksagungsschreiben für Ihre herrliche Spende2 zu meinem Jubiläum haben Sie doch richtig empfangen?
Herzliche Grüße an Ihre liebe Frau Gemahlin und alle, die sich meiner erinnern.
Mit größter Verehrung

Ihr
A. Hesse



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 25.09.1856. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 18.11.1857.

[1] Vgl. „Aus Breslau”, in: Deutsches Museum 7 (1857), S. 880-884, hier S. 881.

[2] Ständchen zum Silberjubiläum von Adolph Hesse, Text von August Kahlert, WoO 88.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.05.2016).