Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr, L. 6

Cassel den 4ten März
1857.

Hochgeehrter Herr,

Wie soll ich nur Worte finden, um Ihnen zu melden, was mir mindestens eben so unangenehm ist, als es Ihnen nur seyn kann; es ist mir nicht gelungen, Ihre Sinfonie zur Aufführung zu bringen! Als Sie im vorigen Herbst hier waren und mir dieselbe am Piano vorspielten, gefiel mir dieselbe sehr gut; sie schien mir neu in der Erfindung, klar in der Form, zwar sehr lang, ich glaubte aber, mit Orchester werde mehr Abwechslung herein kommen, und dadurch die übergroße Länge mehr verdeckt werden. Als Sie mir dann Partitur und Stimmen zusendeten, interessirte sie mich1 bey der Durchsicht der ersteren, wieder sehr von Neuem und ich freute mich auf die Aufführung, und beschloß sogleich, damit Sie derselben beywohnen könnten sie bis zum 4ten Concert in's neue Jahr, Ihrem Wunsch gemäß zu verschieben[.] Das Streichquartett, das Sie beygelegt hatten, gefiel mir bey der Durchsicht, seiner Originalität wegen, ebenfalls sehr, und ich veranlaßte, daß es, gleich bey der ersten Quartettparthie gegeben wurde. Unser vorzüglicher 1ster Geiger, Bott, übte es ein, wir probirten es und trugen es dann am Abend vor. Doch wollte es unserm Quartettzirkel nicht recht gefallen. Man fand es nicht wohlklingend genug, zu lang, nicht recht klar in der Harmonie, und im letzten Satz, so übereilt(?) und schwer, daß wir Mühe hatten, durchzukommen, ohne hängen zu bleiben. Dieß machte mich schon etwas besorgt wegen der Sinfonie, denn es besteht hier ein vom Orchester erwähltes Musikcomitée, dessen Geschäft es ist, das Programm unserer Concerte zu entwerfen. Ich habe dieß selbst veranlaßt, weil der Kurfürst, der freilich kein großer Musikkenner ist, früher immer unser Programm zu tadeln hatte, und uns ganz die Sinfonie, die in unsern Concerten stets den 2ten Theil bildet, lieber ganz gestrichen hätte. Dieß Comitée besteht aus sämtlichen Musikdirectoren unsers Orchesters, nämlich aus mir, dem 2ten Kapellmeister2, Chordirector3 und Conzertmeister4, und entscheidet, durch Stimmenmehrheit über die Wahl der Musikstücke, besonders der Sinfonie, von der immer eine Vorprobe gemacht wird. Als nun der vorige Monath herankam, in welchem das 4te Abonnement-Concert und in demselben Ihre Sinfonie gegeben werden sollte, veranstaltete ich die übliche Sinfonie-Probe und beschloß in derselben auch eine von den Symphonischen Dichtungen Liszt's zu probiren, die er mir im Herbst sämtlich geschenkt hatte. Nun ist in neuester Zeit, wie Sie gelesen haben werden, von diesen Kompositionen, von der Leipziger Zeitung und der Klicke der Zukunftsmusiker ein solcher Lärm geschlagen worden, als sey es das höchste und vollendetste, was je aus eines Komponisten Feder geflossen ist, daß ich, der mir diese Sachen im höchsten Grade verrückt vorkommen, doch sehr begierig war, etwas davon zu hören, und unserm Publiko vorzuführen; auch hatte ich dabey die Absicht, daß sie Ihrer Sinfonie die ich mir recht formvoll, klar und verständlich dachte, in allen diesen Eigenschaften, als Gegensatz und Folie dienen sollte, und proponirte daher dem Comitée, daß eine der Liszt'schen Kompositionen „Tasso” dem Concerte als Ouverture dienen sollte. Die Probe begann mit Ihrer Sinfonie, aber, es thut mir leid, es sagen zu müssen, sie wollte niemand gefallen, man fand sie düster, übelhaft und reicht an Härten und Übelklängen und besonders viel zu lang, dabey die Instrumentation zu gleichförmig, so daß den Hörern alles grau in grau erschien! Ist mir nun auch manche Wendung interessant und neu in der Erfindung erschienen, so gestehe ich doch auch, daß ich schmerzlich allen Wohlklang und alles Einschmeichelnde vermißt habe! Nun gefiel, meiner Erwartung ganz entgegen, die Liszt'sche Komposition recht gut, und es ist nicht zu leugnen, daß troz aller Verrücktheit der Form und Erfindung, doch auch Effektstellen darin sind, wenn sie auch nur durch die Blechmassen hervorgebracht werden. Das Endresultat der Berathung des Comitée war daher, daß es Ihre Sinfonie ausschloß, und die von Liszt dem Programm einverleibte.
Indem ich Ihnen nun dieß, für mich so höchst unangenehme Ereignis melde, und beyfolgend Ihr Werk mit meinem besten Dank zurücksende, spreche ich noch den Wunsch aus,5 daß Sie uns für den nächsten Winter ein neues Werk zusenden mögten, welches heiterer, wohlklingender, kürzer, mit einem Wort mehr im Styl der frühern Periode seyn möge, weil ich bey Ihrem entschiedenen Kompositionstalente überzeugt bin, daß es nur Ihres Entschlusses bedarf, um in's künftige sich für immer von der Weise der Zukunftsmusiker ganz loszumachen! – Dann würden wir zugleich die Freude haben können, Sie als Claviervirtuose in einem unserer Concerte bewundern zu können. In diesem Winter waren wir ungewöhnlich reich an Clavierspielern, indem ein Herr Schultze aus Weimar, und unser angestellter 2ter Kapellmeister Reis, sich in unsern Concerten hören ließen, und sogar ein Clavierspieler aus London, Herr Pauer, hierher kommen wird.
Leben Sie wohl und zürnen Sie mir nicht. Mit wahrer Hochachtung ganz

der Ihrige
Louis Spohr.

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Wüllner, Franz
Erwähnte Personen: Bott, Jean Joseph
Pauer, Ernst
Reiss, Carl
Schöler, Carl
Schulze, Franz
Sobirey, Gustav
Erwähnte Kompositionen: Liszt, Franz : Tasso
Wüllner, Franz : Quartette, Vl 1 2 Va Vc
Wüllner, Franz : Sinfonien
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1857030415

http://bit.ly/29rxEJC

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Wüllner an Spohr, 27.09.1856. Dass sich aus Versteigerung ... Autographen. Literatur, Naturwissenschaften, Kunst, Geschichte sowie eine umfangreiche Musikersammlung. Versteigerung 12. Juni 1936 (Katalog / Hellmut Meyer und Ernst, Autographenhandlung und Antiquariat, Berlin 52), Berlin 1936, S. 39 noch ein weiterer, derzeit verschollener Brief von Wüllner an Spohr in diesem Zeitraum erschließen lässt, ist unwahrscheinlich. Das dort in der Inhaltsangabe erwähnte Salve Regina von Wüllner wurde erst 1862/63 uraufgeführt (Dietrich Kämper, Franz Wüllner. Leben, Wirken und komposititorisches Schaffen, Köln 1963, S. 129 und 148), also deutlich nach Spohrs Tod. Es dürfte sich also eher um einen Brief an Spohrs Witwe Marianne handeln.

[1] Hier gestrichen: „interessirte”.

[2] Carl Reiss (vgl. Kurfürstlich Hessisches Hof- und Staatshandbuch auf das Jahr 1857, Kassel 1857, S. 69).

[3] Gustav Sobirey (vgl. ebd.).

[4] Carl Schöler (vgl. ebd.).

[5] Hier gestrichen: „spreche ich noch”.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (07.07.2016).