Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck: Louis Spohr, Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 378 (teilweise)

Euer Hochwohlgeboren,
Hochverehrter Herr General-Musik-Director!

Bevor ich meine große Dankesschuld für das unschätzbare, so gütige Schreiben Euer Hochwohlgeboren vom 17ten August d.J. abtrage, halte ich es für meine Pflicht, die Gründe der bisherigen so langen Verzögerung in Kürze darzulegen. –
Ich hatte im Monate August eben eine größere Reise angetreten, auf welcher ich längere Zeit mich in Salzburg aufhielt, und daselbst auch dem Mozartfeste als Mitwirkender beiwohnte. Nach Wien zurückgekehrt traf mich das Unglück, daß eine schwere Krankheit meine liebe Frau durch mehrere Wochen ans Schmerzenbett fesselte. Während dieser Zeit wurde aber die neue Inscenesetzung Ihrer klassischen, ewig jungen Schöpfung „Jessonda“ am Kärnthnerthortheater angekündigt, weßhalb ich die Aufführung derselben vorerst abzuwarten beschloß um über den Erfolg derselben Euer Wohlgeboren zugleich berichten zu können. Sie wurde seither mehrere Male gegeben, wenngleich nicht in solcher Vollendung, wie sie ein so großartiges Werk erheischt; dazu fehlen hier die Gesangskräfte; die Aufnahme der Oper von Seite des Publikums aber war eine enthusiastische; das Publikum schien zu fühlen, daß die geweihten Klänge Ihrer hohen Muse den einzigen erfrischenden und unversiegbaren Quell in der unfruchtbaren Wüste des hiesigen Opern-Repertoir's bieten.1 Dieß waren hauptsächlich die Gründe meines Säumnisses, welches Euer Hochwohlgeboren in Würdigung derselben gewiß nicht Ihrer gütigen Verzeihung unwerth halten dürften; und nun erst zu meiner Dankesschuld.
Meine Feder ist zu schwach, Ihnen, hochverehrter Herr General-Musik-Director! das namenlose Entzücken und die unbegränzte Freude über Ihr so gütiges Schreiben und Ihre so nachsichtsvolle Aufnahme meiner gewagten Zuschrift auszudrücken, die mich, meine Frau und die Quartett-Collegen erfüllte. „So gütig, so höchst liebenswürdig schreibt der große Spohr!“ war der einstimmige Ausruf im ersten Momente, und dann hätten Euer Wohlgeboren in der stillen Thräne, welche in dem Auge jedes Einzelnen glänzte, den beredtesten Dank sich lesen können für Ihre so huldvolle Güte.
Wenn das Gefühl überquillt, findet die Zunge kein Wort. Darum versuche ich es auch nicht, meinen Dank in Worte zu kleiden, sondern bitte Euer Wohlgeboren mit der Versicherung sich zu begnügen, daß Sie in unseren Herzen Ihren theuren Namen mit der Flammenschrift der innigsten Dankbarkeit und Liebe eingeprägt haben. –
Mein erster Gang nach Erhalt Ihres unschätzbaren Schreibens war zu den Musikalien-Firmen, um Ihr 33tes Quartett sogleich zu kaufen; allein leider blieben uns die jüngsten Blüthen der Tonmuse, wenn der fruchttreibende Baum eben nicht in Wien blüht, stets unbekannt; und deßhalb mußte ich erst durch die Musikhandlung mir dasselbe bestellen lassen. Wie entzückend schön ist aber diese Ihre jüngste Schöpfung, welche bisher an jedem Quartett-Abende uns auf's Neue mit Bewunderung und Dank für Euer Wohlgeboren erfüllte! Wie gern möchte ich in die detaillisirte Schilderung der einzelnen Sätze, wie z.B. des reitzenden ersten Satzes, des harmoniereichen, ergreifenden Adagio, und des neckisch-muntern, geistsprühenden Scherzo mit dem wundervollen Trio u.s.w. eingehen; allein meine Mittheilungen haben bereits eine solche Ausdehnung erreicht, daß ich befürchten muß, die Geduld und huldvolle Nachsicht Euer Wohlgeboren bereits in zu hohem Grade in Anspruch genommen zu haben. Deßhalb schließe ich meine Zeilen mit Wiederholung des innigsten Dankes sowohl von meiner, als von Seite der Quartett-Gesellschaft, und mit der unterthänigsten Bitte, mir gütigst die neuesten Schöpfungen Ihres ewig jungen Geistes bekannt zu geben, der in sich einen unversiegbaren Quell von Melodien birgt. Sollte ich je so glücklich sein, Ihnen, hochverehrter Herr General-Musik-Director! irgendwie dienlich sein zu können, so werden Sie dadurch mich zum größten Dank noch verbinden, der ich in höchster Hochachtung mich zeichne

Euer Hochwohlgeboren
dankschuldiger Diener
Friedrich Winter.
Wieden, Alleegasse Nro 71.

Wien am 6ten
Dezember 1856.

Autor(en): Winter, Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Jessonda
Spohr, Louis : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 152
Erwähnte Orte: Wien
Erwähnte Institutionen: Hoftheater am Kärntnertor <Wien>
Mozartfest <Salzburg>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1856120645

http://bit.ly/2z1hQ19

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Winter, 17.08.1856.

[1] Vgl. „Musikalische Umschau“, in: Neue Wiener Musik-Zeitung 5 (1856), S. 175f.; L.A. Zellner, „Jessonda. Oper in 3 Acten von Louis Spohr“, in: Blätter für Musik, Theater und Kunst 2 (1856), S. 321f.; „Wien“, in: Berliner Musikzeitung 10 (1856), S. 334; „Aus Wien“, in: Süddeutsche Musik-Zeitung 5 (1856), S. 168.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (31.03.2020).