Autograf: Staatsarchiv Sigmaringen, Sign. N 1/72 T 1 Nr. 78 [Permalink] [direkt zum Digitalisat]

Sr. Wohlgeb.
Herrn Hofkapellmeister
Täglichsbeck
in
Löwenberg
Schlesien


Cassel den 17ten Mai
1856.

Geehrter Freund,

Ich kann es nur billigen, daß Sie, um London in seinem Kunsttreiben kennen zu lernen, selbst hingehen und wünsche von Herzen den besten Erfolg! Die beyden Hauptpersonen, die Sie über die dortigen Verhältnisse am gründlichsten aufklären können, sind Ihre Landsleute Benedict und Mollique. Sie stehen bey der dortigen Künstlerwelt in großem Ansehen, und es ist namentlich der erste auch einer der gefälligsten und liebenswürdigsten Menschen, die ich dort habe kennen lernen. Den englischen Künstlern meiner dortigen Bekanntschaft werden Sie mehr oder weniger in’s Gehege kommen; ich rechne daher nicht viel auf sie. Eine rühmliche Ausnahme wird der Charles Horsley machen, an den ich Ihnen einliegend einen Brief sende.1 Er hat seine musikalischen Studien in Deutschland gemacht2, spricht unsere Sprache sehr geläufig, und Sie werden daher keine Mühe haben, sich mit ihm zu verständigen. Ich habe ihn gebeten, Sie in dem Hause seines Vaters einzuführen, der einer der geachtetsten Künstler London’s ist, so wie seine Schwester Sophie Horsley eine ganz vorzügliche Clavierspielerin, doch nur Dilettantin. Auch bat ich ihn, Sie mit den bedeutendsten Künstlern Londons bekannt zu machen.
Unter dem, was Sie dort zu erzielen gedenken, erwarte ich von Ihrem ersten Punkte
den geringsten Erfolg! Die englischen Musikverleger sind in Bezug auf das Honorar noch knickriger wie die deutschen. Obgleich ich dort fast meine sämtlichen Kompositionen in englischem Nachstich und mit englischem Text versehen vorfand, so hat es mir doch nie gelingen wollen, eins meiner Manuscripte dort zu verkaufen. An Anfragen der dortigen Verleger fehlte es zwar nicht; so bald ich aber ein, den dortigen Verhältnissen angemessenes, Honorar genannt hatte, zogen sie sich zurück. Sie wissen es, troz der neuern englischen Gesetze gegen den Nachstich, noch immer möglich zu machen, sich der deutschen Verlagsartickel zu bemächtigen, und es ist für einen Deutschen ein zu weitläufiges und kostspieliges Unternehmen, sich dort bey den Gerichten Recht zu verschaffen.
Indem ich nochmals Ihrer Reise den günstigsten Erfolg wünsche, verbleibe ich mit herzlicher Freundschaft ganz

der Ihrige
Louis Spohr

NS. Die Adressen der Londoner Künstler erfragen Sie am sichersten in den Musikläden des Westens von London.

Erwähnte Personen: Benedict, Julius
Horsley, Charles
Horsley, Sophie
Horsley, William
Molique, Bernhard
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Löwenberg
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1856051713

http://bit.ly/1ToHKNx

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Täglichsbeck an Spohr, 13.05.1856. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Täglichsbeck an Spohr, 23.07.1857.

[1] Spohr an Charles Horsley, 17.05.1856.

[2] 1839 ging er auf Empfehlung Mendelssohns zum Studium bei Moritz Hauptmann nach Kassel (vgl. Felix Mendelssohn-Bartholdy an Elisabeth Horsley, Leipzig 17.01.1839, in: Felix Mendelssohn Bartholdy, Sämtliche Briefe Bd. 6, Februar 1838 bis September 1839, hrsg. v. Kadja Grönke und Alexander Staub, Kassel 2012, S. 290f., hier S. 291; Erstdruck in: Karl Mendelssohn-Bartholdy, Goethe and Mendelssohn (1822-1831), übers., erg. und hrsg. v. M.E. von Glehn, London 1874, S. 116ff., hier S. 117 [in der engl. EA 1872 und der deutschen Vorlage ist dieser Brief noch nicht enthalten]. Vgl. auch Moritz Hauptmann, Briefe von Moritz Hauptmann an Franz Hauser, hrsg. v. Alfred Schöne, Bd. 2, Leipzig 1871, S. 283).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.05.2016).