Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochzuverehrender
Herr Generalmusikdirektor!

Ich danke Ihnen herzlich für die mir bei meinem großen Verlust erwiesene Teilnahme. Mein lieber Vater war nicht in Detmold, wie Ew. Hochwohlgeboren vermuthete, sondern in Sondershausen gestorben. Unser Fürst, der Ihre Compositionen hoch verehrt, würde sich sehr geehrt finden, wenn Sie ihm einige Lieder decidiren würden. Es sind dieses des Fürsten eigene Worte. Der Fürst überläßt es Ew. Hochwohlgeboren ganz, ob Sie außer dem Pianoforte noch ein anderes Instrument zur Begleitung nehmen wollen. Der Fürst singt Baryton und singt leidenschaftlich gern, und würden Sie sich ganz nach dem Stimmumfang richten können, den Sie in der Faust-Arie „Liebe ist die zarte Blüthe“ in F dur gebraucht haben; der Fürst singt diese Arie vorzugsweise gern.
Nun bitte ich Ew. Hochwohlgeboren inständigst den Wunsch des Fürsten baldmöglichst zu erfüllen, denn da er nun weiß, daß Sie geneigt sind, ihm einige Lieder zu decidiren, hat er auch keine Ruhe, bis er sie bekommt.
Es ist recht schade daß sich ein Gastspiel der Fräulein Michalesi nicht hat realisiren lassen, es ist wirklich eine ausgezeichnete Sängerin, ganz vortrefflich singt sie im Faust die neue Arie. Den Faust werde ich erst am Montag aufführen, zu unseres Tenoristen Hagen Benefiz. Ich glaube daß die Oper recht gut gehen wird, an Fleiß und Lust haben wir es nicht fehlen lassen, und glauben auch fest, daß diese Oper mit dieser neuen Bereicherung dem Publikum noch mehr gefallen wird als früher mit Dialog.
Zu Ihrem Geburtstage gratulire ich von ganzem Herzen und wünsche daß Sie diesen Tag zur Freude Ihrer zahlreichen Verehrer und zum Wohle der jetzt so häufig mißhandelten Tonkunst noch recht oft feyern mögten. Schließlich ersuche ich Ew. Hochwohlgeboren unseren Fürsten nicht gar zu lange auf die Lieder warten zu lassen. Unser Intendant Freyherr v. Meysenbug läßt sich Ihnen empfehlen.

Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung
verbleibe ich Ew. Hochwohlgeboren
ganz ergebenster
AugKiel

Detmold d. 10ten Aprill 1856

Autor(en): Kiel, August
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Hagen, Wilhelm
Kiel, Friedrich Wilhelm
Leopold III. Lippe-Detmold, Fürst
Meysenbug, Karl von
Michalesi, Josefine
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Faust
Spohr, Louis : Lieder, Bar Vl Kl, op. 156
Erwähnte Orte: Detmold
Kassel
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Detmold>
Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1856041038

http://bit.ly/29nRY0O

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Kiel, 05.04.1856. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Kiel an Spohr, 22.04.1856.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.07.2016).