Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, Sign. 2° Ms. mus. 1500[Sp. 75,64
Beleg: Autographen. Auktion am 17. November in Marburg (= Katalog Stargardt 510), Marburg 1953, S. 39

Sr. Wohlgeb
Herrn Wilhelm Speyer
in
Frankfurt a/m


Cassel den 14ten Juli
1855.1

Geliebter Freund,

Eine erwünschte Veranlassung Ihnen einmal zu schreiben, gibt mir die Bitte des Herrn Biberhofer2: Ihnen über seine Befähigung zur Leitung des Frankfurter Theaters einige Worte zu sagen, da Sie, wie er mir sagt, zum Comité der Actionaire3 gehören, die die Stelle des Directors zu vergeben haben. Herr Biberhofer scheint mir nun in der That recht geeignet für eine solche Stelle da er gebildet und unterrichtet, sehr erfahren in Theaterangelegenheiten, guter Regisseur, immer noch einer der besten Baritonisten Deutschlands und ein in seinen Finanzen geregelter Mann ist. Ich habe dies auch bereits in einem Atteste, das er an Herrn Schöff. Harnier eingesandt hat gesagt4; er wünschte jedoch, daß ich es Ihnen noch einmal direkt sagen möge. Ich zweifle nicht, daß wenn er die Stelle erhielte, man mit seiner Leitung zufrieden seyn könnte und würde, da er namentlich auch noch eine große Tätigkeit besitzt, und diese bey der Verwaltung des hiesigen Theater-Pensionsfond wirksam entwickelt hat. Er sey Ihnen daher bestens empfohlen.
Wir sind eben von einer Reise nach Hamburg, Lübeck und Braunschweig zurückgekehrt, wo wir mit alten Freunden, meinen Brüdern, und andernn Verwandten ein vergnügtes Zusammenseyn verlebt haben.5 Nun werden wir den Rest der Ferien noch zu einigen kleinen Excursionen in die Umgegend verwenden. Gern hätte ich auch noch die Pariser Ausstellung6 gesehen, doch hat mich die Erinnerung der vorjährigen Münchner Leiden7, als Hitze, Gedränge und Ermüdung, wieder davon abgebracht! Mit den Jahren verliert sich doch die Reiselust und man sehnt sich mehr nach Ruhe.
Leben Sie wohl. Herzliche Grüße an die lieben Ihrigen.

Mit wahrer Freundschaft stets ganz
der Ihrige
Louis Spohr

Erwähnte Personen: Biberhofer, Eduard
Harnier, Louis
Spohr, August
Spohr, Carl (Bruder von Louis Spohr)
Spohr, Wilhelm
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Braunschweig
Frankfurt am Main
Hamburg
Lübeck
München
Paris
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Stadttheater <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1855071402

http://bit.ly/1S1vLmB

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 29.11.1849. Speyer beantwortete diesen Brief am 21.07.1855.

[1] Hier Notiz von fremder Hand: „Zum Protokoll vom 18 Juli 1855 / Anlage N° 2”. Dies ist vermutlich ein Hinweis, dass dieser Brief Teil der Akten zur im Brief erwähnten Neubesetzung des Frankfurter Theaterdirektors war. Die aus der Nummerierung folgende Anlage N° 2 könnte das im Folgenden erwähnte Zeugnis Spohrs für Biberhofer sein (vgl. Anm. 4).

[2] Vgl. „Frankfurt a.M.”, in: Neue Berliner Zeitung 9 (1855), S. 150; „Cassel”, in: ebd., S. 203f.

[3] Vgl. „Frankfurt a.M.”, in: Süddeutsche Musik-Zeitung 4 (1855), S. 112; dazu auch „Frankfurter Theaterzustände”, in: ebd., S. 42ff.; F.J.K., „Aus Frankfurt a.M.”, in: ebd., S. 78; „Aus Hamburg. Ende Juni”, in: ebd., S. 122f., hier S. 122.

[4] Dieses Zeugnis ist derzeit verschollen (vgl. Anm. 1).

[5] Vgl. Marianne Spohr, Reise nach Rinteln, Hamburg, Lübeck, Braunschweig, Hannover, Gandersheim, Ms. 1855; Louis Spohr, Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 373

[6] Vgl. Die Allgemeine Industrie-Ausstellung zu Paris, hrsg. v. Adolph William Lemme, Leipzig 1855; Woldemar Seyffarth, Die Universal-Ausstellung in Paris. Mai bis Oktober, Gotha 1855. 

[7] Vgl. Marianne Spohr, Reise in die Schweiz und nach München, Ms. 1854.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.03.2016).