Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Roda:1

Verehrter Meister!

Welcher Ihrer Jünger, der sich als solchen bekannte, und vertrauungsvoll Ihnen nahte, könnte sich nicht rühmen, seine Zwecke und sein Streben, durch Ihre Güte und Wohlwollen gefördert zu sehen?! - Gewiß! Sie werden mir nicht zürnen, wenn ich mit Verehrung und Vertrauen in einem Anliegen zu Ihnen komme, worinnen ein ganze Zukunft für mich enthalten ist. - Sie empfangen nemlich anbei die Zusendung eines Werkes, welches vor einem Jahre von mir begonnen, bereits am 26st Februar in hiesiger Petri-Kirche zu einem wohlthätigen Zwecke, zur Aufführung kam1; jedoch leider! nicht diejenige Anerkennung und Aufnahme, - worin ich manche ernste und bedeutungsvolle Hoffnungen geknüpft hatte, - fand, die ich zu verdienen glaubte. Vielmehr fand sich eine Anzahl hiesiger Kunstgenossen (Grund und Lachner ausgenommen ) zur Propaganda der hyperbolischen Zukunfts-Musik gehörend, für berufen, uns mit mit Ihnen ein Anhang unsres moralisch und religiös indifferenten Publikums – mich durch Critik und Raisonnements förmlich zu paralysiren. Keiner schien auch nur im entferntesten zu ahnen, daß nicht Autolatria2 mein Innerstes beseelt, sondern ich um Gottes Willen gestrebt und gewerkt habe; und diejenigen die es zu merken schienen, das gerade warn die Spötter, die nicht von Sünd und christlichen Bekenntnis und Gemeinschaft wissen sollen, nur desto ärger eiferten, ja mehr Sie im Text und Musik, alles, überlebtes, unpassendet, zeitwiedriges, ja die Reaction selbst zu entdecken glaubten. Nun verehrter Meister! so lange auch Sie lebten, werden Sie den pessimistischen Gang des Kunst- und Künstlerthums beobachtet und erfahren haben. Ja doch sicherlich war keine Zeit schlimmer für die heilige Tonmuse, als die gegenwärtige, wo Unnatur, Lügengeist und Unglauben Alles Schöne, Wahre und Heilige zu verschlingen droht. Welche Aussicht nun für mich und meine Zukunft, der ich als Künstler die Aufgabe meines Lebens nur in den ethischen Theil meiner Kunst sehe?! Dabey gebannt in eine Stadt voll des Materialismus; gedrungen, mit Weib und Kind auf den Sandboden ephemer Menschen Gunst meine Existenz bauen zu müssen zu einer Zeit wo Alles lehren will, und keiner lernen als – Musiklehrer! Ach! welcher Welt- und Menschenkenner wollte nur und jenen niedergebeugten Unglücklichen der es zuerst aussprach, nicht Recht geben: Quem Dei oderint fecerat Praeceptores3?! - Doch wozu Klagen und Betrübniß, da ich Ihr Herz nicht damit, sondern doch mein Werk für mich und meine Wünsche gewinnen will?! Bitte schenken Sie beigesandter Partitur Ihre erfreuliche Durchsicht, und verfehlen Sie mir dann Ihr strenges Urtheil nicht, und verhelfen Sie mir womöglich zu einer günstigeren besseren Lebens-Existenz wo ich freyer (als in Hamburg) an Gemüth und Geist, Besseres leisten kann und vermag. Und glaiben Sie, daß das Werk eine weitere Bekanntmachtung verdient, und selbige mir zu Erreichung einer besseren Situation nützen kann, so bitte ich ferner dringend um Ihre Fürsprache und Empfehlung.
Dies verehrter Meister! meine Wünsche, mein Anliegen und meine Hoffnungen, welche ich Ihnen recht nahe ans Herz legen möchte. - Vor kurzem hatte ich den Plan gefaßt, das Oratorium England Verehrer u Freunde Kirchlicher Musik zuzueignen, um womöglich daselbst eine Aufführung zu erzielen; ohne Rath und genaue Auskunft dortiger Verhältniße wage ich jedoch nichts Festes zu bestimmen. Bekanntschaften in England habe ich auch nicht; wie urtheilen Sie zu einem solchen Plan? Dürfte ich vielleicht auch hierbei, da Ihr Einfluß auf Englands Musik-Societäten wie bekannt groß ist, mich Ihrer gütigen Unterstützung erfreuen können?
Sehnsüchtig erharre ich Ihren Urtheilsspruch, der, so ich zu Gott bitte und hoffe, mich entschädigen soll für viele Bekümmerniße in diesen Zeiten. Wer hat noch Antheil an den Werken der Kunst, da die Welt keinen an das Leben des Künstlers hat, wenn es nicht die sind, die uns Liebes und Gutes erwiesen haben?! - Möge es mir vergönnt seyn dem Mann, dessen edlen Geist, dessen Herzensinnigkeit in seinen Werken mich oft tief bewegt hat, auch der Gründer, Förderer meines Glückes nennen zu können. Sie allein Verehrter Meister, den die Aera der Kunst jetzt einzig hingestellt hat, können Gerechtigkeit verschaffen

Ihren treuen Jünger
Ferdinand von Roda

Hamburg den 15t Mai 1855
Ferdinandstraße No 27.

Autor(en): Roda, Ferdinand von
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Grund, Wilhelm
Lachner, Ignaz
Erwähnte Kompositionen: Roda, Ferdinand von : Der Sünder
Erwähnte Orte: Hamburg
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1855051544

http://bit.ly/2KqULp7

Spohr



Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz, bei dem es sich vielleicht um die Antwort auf diesen Brief handelt, ist der derzeit verschollene Brief, Spohr an Roda, 17.06.1855.

[1] Der Sünder (vgl. „Aus Hamburg. Ende Februar“, in: Süddeutsche Musik-Zeitung 4 (1855), S. 46 und 52, hier S. 52; „Hamburg“, in: Neue Berliner Musik-Zeitung 9 (1855), S. 77; „Hamburg“, in: Signale für die musikalische Welt 13 (1855), S. 93).

[2] „Autolatria“ = lat. Selbstverehrung.

[3] „Quem Dei oderint fecerat Praeceptores“ = lat. Wen die Götter hassen, machen sie zum Lehrer (als Zitat noch nicht identifiziert).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (28.06.2018).