Autograf: Stadtarchiv Hannover (D-HVa), Sign. Autogr. Culemann Nr. 5723
Druck: Richard Tronnier, Von Musik und Musikern, Münster 1930, S. 93ff.

Cassel den 19ten April
55.

Hochgeehrter Herr,

Endlich finde ich einen freien Moment, um Ihnen für Ihren lieben Brief und freundlichen Glückwunsch zu meinem Geburtstage meinen herzlichsten Dank auszusprechen! Es war wieder ein mühevoller Tage für mich, denn früh geweckt durch ein Sängerständchen, hatte ich an dem Tage genau zwei Proben abzuhalten, eine im Theater, und nachmittags die Generalprobe zur Charfreitagsaufführung des Messias von Händel. Hieran schloß sich eine Festivität, die meine Tochter Ida1 veranstaltet hatte, und die erst spät in der Nacht endete. Wenige Tage vorher hatte ich ebenfals fatigante Tage zu überstehen, indem mich der König von Hannover einladen ließ, mehrere meiner Werke in einem Concerte im dortigen Hoftheater zu dirigiren, wozu auf directe Verwendung des Königs mir ganz unerwarteter Weise der Kurfürst den Urlaub bewilligte. Ich verlebte dort drei angenehme Tage in Gesellschaft meiner Frau2. Am 1sten Tage war vormittags eine Vorprobe meiner Kompositionen, Mittags ein Dinér beym Intendanten des Theaters, dem Grafen v. Platen, Abends, oder vielmehr nach englischer Weise in der Nacht eine Musikparthie beym König wo ich Quartetten spielte, die vorher auch noch probirt werden mußten.3 Am 2ten Tage war Vormittags eine Musikparthie, die die Kapelle veranstaltet hatte, um mir einige meiner Kompositionen zu hören zu geben. Joachim spielte mein 7tes Concert in höchster Vollendung und Kömpel, einer meiner besten Schüler, jetzt Mitglied der dortigen Kapelle, mein erstes Doppelquartett nicht minder ausgezeichnet. Dann mußte ich auf den Wunsch der Kapelle noch selbst ein’s meiner Quartetten spielen. Hieran schloß sich ein Festdinér, welches mir die Kapelle gab, und welches überreich an Reden, Gesängen und anderer Musik, beynahe 5 Stunden dauerte. Ermüdet wie ich war, mußte ich Abends noch in einer Musikparthie bey meinem alten Freunde Hausmann zwei meiner Quartetten spielen, und da das Souper nach dortiger Sitte erst um Mitternacht begann, so kam ich wieder vor 2 Uhr nicht zur Ruhe.4 Der 3te Tag war der leichteste; Vormittags Probe, und Abends das Concert. Meine Sachen, die den 1sten Theil des Concerts ausfüllten, Ouverture und Duett aus Jessonda, und meine Sinfonie „Irdisches und Göttliches im Menschenleben“ für zwei Orchester, wurden vortrefflich executirt. Den 2ten Theil des Concerts5, den der Kapellmeister Fischer dirigirte, konnte ich an der Seite meiner Frau ruhig anhören. Die Kapelle in Hannover ist jetzt eine der stärksten und besten in Deutschland. Der blinde König, der seine einzige Unterhaltung in Musik findet, hat große Summen auf ihre Vervollständigung verwandt. Meine Sinfonie hörte ich noch nicht so gut wie dort; selbst nicht in London6! Mittags hatten wir die Freude meinen Bruder Wilhelm mit seinen beyden Töchtern7, aber ohne Bräutigam8, der in die Heimath verreist war,9 ankommen zu sehen, und ich freute mich sehr, die beyden Mädchen, die ich seit 5 - 6 Jahren nicht gesehn hatte10, so wohl und blühend zu finden.11 Am andern Morgen, vor der Abreise, überreichte mir eine Deputation der Kapelle im Namen des Königs einen Taktirstab, der unter das reichste und schönste gehört, was es in der Art wohl geben mag! Er ist von Gold und Elfenbein künstlich und geschmackvoll gearbeitet, reich mit Edelsteinen besetzt, und trägt am Griff in erhabenen Buchstaben die Inschrift: Dem Generalmusikdirector Dr. Louis Spohr die Königl. Hannoversche Hofkapelle am 31sten März 1855. Der König hat ihn verfertigen lassen, und der Kapelle zur Übergabe an mich, geschenkt.12
Für Ihre Mitdirection bey dem dortigen bevorstehenden Männergesang-Feste, weiß ich Ihnen, da ich selbst nie ein solches dirigirte, keine andern Verhaltungsregeln zu geben, als daß Sie sich im Voraus mit den Partituren der, von Ihnen zu dirigirenden, Sachen recht vertraut machen, damit Sie alle Tempi recht sicher angeben können, und daß Sie streng auf alle Nuancen der Vortragsweise halten. Ich halte übrigens von solchen Männergesangfesten nicht viel, und habe die Einladung dazu immer abgelehnt; denn wenn größere Sachen gesungen werden sollen, so ist wegen des engen und beschränkten Umfanges der Singstimmen, eine ermüdende und geisttötende Monotonie gar nicht zu vermeiden.
Die in den Jahren von 1841 bis inclusive 48 von mir geschriebenen und jetzt sämtlich veröffentlichten Kompositionen bestehen außer der Doppelsinfonie noch in einer 8ten, 4 Trios für Piano, Violine und Violoncell, der Oper: „die Kreuzfahrer“, dem 15ten Violinconcert, einem Pianoforte-Quintett mit Saiteninstrumenten, dem 6ten Quintett für 2 V. 2 Viola‘s und Violoncell, 2 Sammlungen von Solopiecen für Violine und Piano, einer Concertouverture im ernsten Styl, einer Claviersonate, die Mendelssohn dedicirt ist, dem 30sten Violinquartett, dem 4ten Doppel-Quartett, einigen englischen Psalmen, für London geschrieben, etwa 1½ Dutzend Lieder, und dem Sextett für 2 V. 2 Violen und 2 Violoncells. Alle meine neuesten Kompositionen sind bey Peters in Leipzig erschienen, darunter der neue Clavierauszug von13 Faust, mit den neuen Zusätzen, und ein 32stes14 Violinquartett, so wie das neue Septett für Piano mit Saiten- und Blasinstrumenten.
Unter Grüßen von meiner Frau, ganz der Ihrige
Louis Spohr.

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Böhme, Ferdinand
Erwähnte Personen: Fischer, Karl Ludwig
Georg V. Hannover, König
Hausmann, Bernhard
Joachim, Joseph
Platen, Georg von
Sauerma, Xaver von
Spohr, Ida
Spohr, Marianne
Spohr, Rosalie
Spohr, Wilhelm
Wolff, Ida
Erwähnte Kompositionen: Händel, Georg Friedrich : Messiah
Spohr, Louis : Doppelquartette, op. 136
Spohr, Louis : Duos, Vl Kl, op. 127
Spohr, Louis : Faust
Spohr, Louis : Irdisches und Göttliches im Menschenleben
Spohr, Louis : Jessonda
Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 128
Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 38
Spohr, Louis : Die Kreuzfahrer
Spohr, Louis : Lieder, Sgst Kl, WoO 104
Spohr, Louis : Lieder, Sgst Kl, WoO 105
Spohr, Louis : Lieder, Sgst Kl, WoO 106
Spohr, Louis : Lieder, Sgst Kl, WoO 107
Spohr, Louis : Lieder, Sgst Kl, WoO 108
Spohr, Louis : Lieder, Sgst Kl, WoO 109
Spohr, Louis : Lieder, Sgst Kl, WoO 110
Spohr, Louis : Lieder, Sgst Kl, WoO 111
Spohr, Louis : Lieder, Sgst Kl, WoO 112
Spohr, Louis : Lieder, Sgst Kl, WoO 113
Spohr, Louis : Lieder, Sgst Kl, WoO 114
Spohr, Louis : Lieder, Sgst Kl, WoO 115
Spohr, Louis : Lieder, Sopr 1 2 Kl, WoO 116
Spohr, Louis : Lieder, Ten Kl 4hdg, WoO 103
Spohr, Louis : Ouvertüren, op. 126
Spohr, Louis : Psalm 128, op. 122
Spohr, Louis : Psalm 84, WoO 72
Spohr, Louis : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 132
Spohr, Louis : Quintette, Vl 1 2 Va 1 2 Vc, op. 129
Spohr, Louis : Quintette, Vl 1 2 Va Vc Kl, op. 130
Spohr, Louis : Salonstücke, Vl Kl, op. 135
Spohr, Louis : Septette, Fl Klar Fg Hr Vl Vc Kl, op. 147
Spohr, Louis : Sextette, Vl 1 2 Va 1 2 Vc 1 2, op. 140
Spohr, Louis : Sinfonien, op. 137
Spohr, Louis : Sonaten, Kl, op. 125
Spohr, Louis : Sonatinen, Ten Kl, op. 138
Spohr, Louis : Trios, Vl Vc Kl, op. 119
Spohr, Louis : Trios, Vl Vc Kl, op. 123
Spohr, Louis : Trios, Vl Vc Kl, op. 124
Spohr, Louis : Trios, Vl Vc Kl, op. 133
Erwähnte Orte: Hannover
Erwähnte Institutionen: Cäcilienverein <Kassel>
Hofkapelle <Kassel>
Hoftheater <Hannover>
Nederlandsche naationale zangersfeest <verschiedene Orte>
Peters <Leipzig>
Singakademie <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1855041910

http://bit.ly/3gH3V1j

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Böhme an Spohr, 03.04.1855. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Böhme an Spohr, 03.04.1856.

[1] Ida Wolff.

[2] Marianne Spohr.

[3] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 29.03.1855.

[4] Vgl. ebd., 30.03.1855.

[5] „Concerts“ über gestrichenem „Orchesters“ eingefügt.

[6] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 08.07.1853.

[7] Rosalie Spohr und Ida Spohr.

[8] Franz Xaver von Sauerma, der kurz darauf Rosalie Spohr heiratete.

[9] Hier ein Wort oder 2-3 Buchstaben gestrichen.

[10] „hatte“ über der Zeile eingefügt.

[11] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 31.03.1855.

[12] Vgl. ebd., 01.04.1855; Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 370.

[13] „von“ über gestrichenem „zu“ eingefügt.

[14] Hier gestrichen: „Q“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.05.2020).