Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18550403>

Breslau 3 April 1855

Mein hochverehrter Freund und Gönner!

Ich kann den hochwichtigen Tag, der Sie ins Leben rief, einen Künstler, welcher eine musikalische Epoche in der Geschichte der Tonkunst ausmacht, nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen meinen besten Glückwunsch als Musiker, als Mensch aber noch meinen tiefgefühltesten Dank für so viele genossene Wohlthaten, darzubringen. Der Himmel hat Sie nicht nur mit einem großen Geiste, sondern auch mit riesenkräftiger Natur ausgestattet, und das wollen wir alle dem Himmel danken, weil uns dadurch die Hoffnung gegeben ist, einen Mann, der die Schwächen des Alters gar nicht kennt, noch sehr lange zu besitzen. Gott erfülle uns diesen Wunsch. — Der Winter ist hier unter unendlichem Musiziren vorübergegangen. Die stehenden Kapellen à 40 Mann haben zusammen 90 Sinfonie-Konzerte gegeben, das ist doch genug. Dreißig davon habe ich bei der Kapelle dirigirt, auch in einem Benefizkonzerte Blecha’s das schöne c moll-Konzert von Beethoven (aus der Mozartschen Epoche) gespielt, das mir sehr gelang, und mit der Kapelle sehr schön zusammenging. Von Ihnen gaben wir die Weihe der Töne, die 3te Sinfonie und die Ouverture zu Faust und Jessonda. Unsere Theaterkapelle hat durch fortwährendes Zusammenspiel bei den Opern und Konzerten eine Vollendung erreicht, die wirklich auffallend ist. Große Epoche hat hier ein Wundermädchen, Wilhelmine Neruda, eine imposante Erscheinung, 17 Jahre alt, gemacht. Sie ist Künstlerin auf der.Violine, und gab im Theater 12 Konzerte mit immer steigendem Beifalle. Ihr schöner glatter Ton, die haarscharfe Intonation bei den immensesten Schwierigkeiten, ihr gefühlvoller, ungeheuchelter Vortrag riß Alles zum Entzücken hin. Sie hat hier Violinsachen von 16 verschiedenen Komponisten gespielt, und Alle gleich schön. Ihre Gesangsscene trug sie 3mal vor, Paganinis fürchterlich-schweres Konzert in h moll, wo einigemale der linke Daumen den Geigenhals verlassen muß, damit die Finger nur in die höchsten Regionen gelangen können, spielte sie fabelhaft. Ebenso schön Mendelssohns Violinkonzert und das von Rode in A moll; außerdem Beriot1, Lafont2, Vieuxtemps3, Ernst4, Artot5 etc. etc. Ihr Staccato und ihr Triller sind prächtig. In einer Quartettsoiree spielte sie Haydn’s D dur-Quartett6, wie ein Alter, akkompagnirte mir ein Klavierquartett von Beethoven sehr schön und trug am Schlusse auf Verlangen noch Ihre Gesangsscene7, die ich ihr am Piano akkompagnirte, hinreißend vor. Dabei ist ihre Körperhaltung, so wie bei Ihnen, vollkommen ruhig. Sie besitzt eine Geige von Guarneri. – In voriger Woche gab Mosevius mit seiner Singakademie und einem großen Orchester (zusammen 250 Personen) in der Aula Leopoldina eine Aufführung. Cherubinis Ouverture zu Medea eröffnete den Abend, darauf folgte die Fantasie für Klavier, Orchester und Chor von Beethoven, die eine Madame Schwemer am Klavier sehr gut ausführte; den Schluß machte der Faust, komponirt vom Fürsten Radzivill, der Niemand sehr gefiel. Das Gedicht von Göthe eignet sich gar nicht zur Komposition, so viel ich meine; dann aber hat die Musik neben Talentvollem, Bedeutendem zuviel Triviales, Dilettantisches. Ich war froh, als es aus war, im Übrigen war die Ausführung sehr gut. Vor einigen Tagen war ich bei dem Fürsten Hohenzollern-Hechingen, den Sie auch besucht haben. Er lud mich nach Löwenberg in Schlesien, wo er jetzt wohnt, ein und ich habe mich köstlich dort amüsiert. Wenn es Ihnen Spaß macht, so lesen Sie beifolgenden Bericht8 darüber. Erfreuen Sie mich recht bald mit einigen Zeilen von Ihrer Hand; was haben Sie diesen Sommer vor?
Ihrer Frau Gemahlin, so wie sämtlichen Gliedern Ihrer Famile meinen hochachtungsvollen Gruß, ebenso Fr. u. Hr. v. Malsburg, Bott, Sobirey etc. etc.
Wie immer, hochachtungsvoll

Ihr treuergebener Verehrer
A. Hesse.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 14.11.1854. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 15.09.1855.

[1] Noch nicht ermittelt.

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] Noch nicht ermittelt.

[4] Othello-Fantasie op. 11 (vgl. „Breslau”, in: Niederrheinische Musik-Zeitung 3 (1855), S. 104).

[5] Noch nicht ermittelt.

[6] Noch nicht ermittelt.

[7] Op. 47.

[8] Noch nicht ermittelt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.05.2016).