Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,228

Verehrter Gönner und Freund!

Nach vier sehr unstät verlebten Jahren endlich einmal wieder in einem sichern Hafen einzulaufen, benütze ich den ersten Moment häuslicher Ruhe zur Erfüllung des von mir lang gehegten Wunsches, mich einmal wieder um das Befinden meines verehrten Großmeisters zu erkundigen und mich zugleich in Ihr freundliches Andenken zurückzurufen. Weit entfernt, Egoist zu seyn, halte ich doch schon meines unbezeichneten Wohnorts wegen für nöthig, Ihnen vor allem Aufschluß über die bei mir eingetretenen Veränderungen zu geben.
Nachdem während drei Jahren, (von 1849 bis 1852) welche ich größtentheils in Stuttgart verlebte, alle schriftlichen Vorstellungen keinerlei Resultat in Betreff der zukünftigen Verhältnisse der Fürstlichen Hofkapelle herbeigeführt hatten, ich aber aus vielerlei Gründen ein solches als unbedingt nothwendig erachtete, so machte ich mich im September 1852 selbst auf die Beine und befühlte meinen Fürsten in seinem, eine kleine Meile von hier entfernten Schloß Hohlstein, um ihn womöglich zu irgend einem Entschluß zu bringen und mich und mein Personale dadurch und der einestheils freilich gar nicht unangenehme, zu eigenen Arbeiten sehr passenden Unthätigkeit, anderntheils aber auch zugleich uns der überwiegend drückenden, jeden Lebensplan zerstörenden Ungewißheit zu1 reißen.
Kaum fünf Tage in Hohlstein, rückte mein Fürst gegen alles Erwarten mit dem Entschlusse heraus, seine Kapelle hieher berufen zu wollen, und zwar mit einer so ungewohnten Heftigkeit und Hast, daß ich alle mir vorgenommenen Umwege aufgeben und Mitte Oktober, (1852,) mit allen nöthigen Vollmachten versehen direkte nach Hause reisen mußte, um unsere durch drei Ruhejahre und mehrere kurz zuvor ertheilte Urlaubs-Bewilligungen ziemlich verwickelten Dienst-Verhältnisse dergestalt in Ordnung zu bringen, daß sieben Wochen später (der 8te December war als Termin hiezu fest angeetzt,) alle Mitglieder sammt Musikalien, Instrumenten u.s.w. hier seyn konnten. Dies gelang mir denn auch vollkommen, und nur eine mehrwöchentliche Krankheit des Fürsten war Schuld, daß wir erst am 29ten December 1852 unser erstes Concert hier hatten. Durch die vielen Dienstgeschäfte mußte ich aber eigene Angelegenheiten dergestalt vernachlässigen, daß mir nolens volens nichts Anderes übrig blieb, als Frau und Kind in Stuttgart zu lassen und den ersten Winter hier als Strohwittwer zu verleben. Nach glücklich überstandener Prüfungszeit reiste ich gegen Ende Mai nach Stuttgart zurück, blieb zur Betreibung meiner häuslichen Uebersiedelung zwei Monate dort, machte mich Ende July mit Sack und Pack wieder auf die Hieherreise und kam, durch Besuche bei Verwandten aufgehalten, erst gegen Ende August hier an. Nachdem ich die ersten Monate zu meiner mit allerlei Schwierigkeiten verbundenen häuslichen Einrichtung benützt hatte, begannen unsere Proben im November, und am 5. December unsere Konzerte, deren wir jetzt schon 10 absolvirt haben. Ihre Kompositionen, welche von jeher unter die Lieblinge meines Fürsten gehören, sind dabei häufig repraesentirt; unter Anderem haben wir in diesen 2 Monaten schon wieder zwei, für uns neue Sinfonien von Ihnen gemacht, nemlich „die Jahreszeiten” und die aus C moll N° 3., welche beide mit großem Beifall aufgenommen wurden. Sämmtliche Kapell-Mitglieder thun sich in dem in gar mancher Beziehung fremdartigen Thalerlande2 ziemlich hart; übrigens läßt sich nicht läugnen, daß unsere musikalischen Leistungen hier große Sensation machen und viel mehr Anklang finden, als dies je in Hechingen der Fall war. Ich meinestheils, muß öfter bekennen, daß ich eben so wenig auf Löwenberg versessen bin, als ich es auf Hechingen war, denn beide Orte sind kleine Nestchen und eben deshalb nicht meine Liebhaberei. –
Da dem schon seit mehreren Jahren von mir gehegten Wunsch, in größere Dienstverhältnisse zu kommen, sich nicht realisiren zu wollen scheint, so wäre es mir sehr erwünscht, wenn ich wenigstens vorübergehend eine gewisse Abwechslung in mein musikalisches Treiben bringen könnte, wozu die jetzige Einrichtung, daß mein Fürst die Thätigkeit seiner Kapelle nur während siben Monaten (November bis Mai) in Anspr[uch] nimmt, die beste Gelegenheit mir bietet.3 Aus diesen Gründen erlaube ich mir denn auch, hiemit die Bitte an Sie zu richten, daß in dem Falle, als an Sie eine Anfrage in Betreff irgend einer vorübergehenden Direction, z.B. von einer Concert-Gesellschaft in London oder von einem Comité eines rheinischen Musikfestes u.s.w., an Sie kommen sollte, die Sie nicht selbst erfüllen können oder wollen, Sie meiher gedenken und mich dazu vorschlagen möchten. Daß ich mir alle Mühe geben würde, Ihrer Empfehlung Ehre zu machen, dürften Sie im voraus versichert seyn. –
Auch Sie haben, wo viel ich weiß, schlimme Zeiten durchzumachen gehabt, die Sie aber hoffentlich gesund und vergnügt überstanden haben; an meiner herzlichen Theilnahme hat es wenigstens nie gefehlt. Recht sehr verbinden würden Sie mich, wenn Sie mich, wenn auch nur durch einige Zeilen, davon überzeugen wollten.
Indem ich schließlich mich sammt Frau und jetzt vierzehnjähriger Tocher, welche mir ganz besonders viel Schönes an Ihre liebe Frau auftragen, Ihrem beiderseitigen freundlichen Wohlwollen empfehle, verbleibe ich mit den bekannten unveränderlichen Gesinnungen mit vollem Herzen

Ihr
Th. Täglichsbeck

Löwenberg in Preußisch Schlesien,
am 5. Februar 1854.

Autor(en): Täglichsbeck, Thomas
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Friedrich Wilhelm Constantin Hohenzollern-Hechingen, Fürst
Täglichsbeck (Ehefrau von Thomas Täglichsbeck)
Täglichsbeck (Tochter von Thomas Täglichsbeck)
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Die Jahreszeiten
Spohr, Louis : Sinfonien, op. 78
Erwähnte Orte: London
Löwenberg
Stuttgart
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Hechingen>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1854020543

http://bit.ly/24ZqTEU

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Täglichsbeck an Spohr, 08.03.1850. Spohr beantwortete diesen Brief am 11.02.1854.

[1] Hier gestrichen: „retten”.

[2] Für die aus dem süddeutschen Hechingen zugezogenen, wo in Gulden bezahlt wurde, war das norddeutsche Schlesien, wo Taler im Umlauf waren, offensichtlich gewöhnungsbedürftig (vgl. A[dolph] D[iesterweg], „Aufklärung über Zustände der preuß. Vorlksschule”, in: Pädagogisches Jahrbuch für Lehrer und Schulfreunde 10 (1860), S. 58-123, hier S. 120).

[3] Hier gestrichen: „geboten ist”.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.05.2016).