Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochgeehrtester Herr!

Ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich erst jetzt Ihren Brief beantworte. Allein ich habe diese 14 Tage mit dem Propheten, welche Oper in 8 Tagen gegeben werden soll, so viel Plage gehabt, daß ich an nichts Vernünftiges habe denken können. Leider habe ich Ihr herrliches Oratorium im vorigen Sommer (wegen meiner Kränklichkeit) mit dem Singverein nicht studiren können und haben wir dasselbe im Herbst nur theilweise bei Hofe aufgeführt. Der Fürst wünscht jedoch das Ganze diesen Sommer zu hören. Ich werde im Mai wenn unsere Schauspieler wieder fort sind mit neuem Eifer einstudiren, so daß die Aufführung im Anfange September statt finden kann. Bei Hofe studiren wir jetzt Glucks „Armide“, so daß ich jetzt mit dem Schulmeister im Wildschütz sagen kann „Morgens a b c und Abends Sophokles.1 Ich danke meinem Schöpfer daß ich den Musiktumult von Berlioz Romeo und Julia hinter mir habe. Das ist Thierquälerei. Ein solches Chaos von guten und schlechten Gedanken ist mir noch nicht vorgekommen. Dieser Wirrwar dauert ununterbrochen
gute 2 Stunden. Wir gute Deutsche müssen uns doch viel gefallen lassen! Ich nehme mir die Freiheit Ew. Wohlgeb an Ihr gütiges Versprechen hinsichtlich der Aufführung des Tannhäuser zu erinnern. Da diese Oper auch hier in Aussicht steht, so wird es mir von großem Nutzen sein, diese Oper unter Ihrer Direction anhören zu können. Die fürstl. Familie ist so gnädig mich mitnehmen zu wollen. Gleichzeitig ersuche ich Ew. Wohlgeboren mir die gütigst versprochenen Musikstücke zum Faust, wofür ich im voraus herzlichst danke, senden zu wollen. Den Betrag dafür von der Post zu entnehmen. Ich gestehe daß mir schon längst der Gedanke aufgetaucht ist, daß in dieser Oper kein Dialog sein müßte, und freue ich mich sehr die Oper mit dieser neuen Zierde genießen zu können. Unsere diesjährigen Opernmitglieder sind ziemlich gut und läßt sich mit diesen Leuten, weil sie bescheiden sind und gute Lehren willig annehmen manches Gute ausrichten. Bargher lebte der süßen Hoffnung, als wenn Ew. Wohlgeboren den Potpourri vergessen hätten.
In der Hoffnung Ihnen hochverehrter Meister bald persönlich meine unwandelbare Hochachtung versichern zu können bleibe ich

Ew. Wohlgeb
dankbarster
AugKiel

Detmold d. 10. Januar 1854.



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Kiel, 20.12.1853. Spohr beantwortete diesen Brief am 15.01.1854.

[1] Albert Lortzing, Der Wildschütz oder Die Stimme der Natur. Komische Oper in drei Acten, Leipzig o.J., S. 38.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (30.06.2016).