Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck: Moritz Hauptmann, Briefe von Moritz Hauptmann, Kantor und Musikdirektor an der Thomasschule zu Leipzig an Ludwig Spohr und Andere, hrsg. v. Ferdinand Hiller, Leipzig 1876, S. 36-39 (teilweise)

Leipzig, den 9. Febr. 1853,

Lieber Herr Kapellmeister.

[...] In einem früheren Concert haben wir als zweiten Theil eine große Scene aus Lohengrin gehört.1 Es ist recht gut, daß diese Sachen zur Aufführung kommen, daß man nicht nur immer die Kritik passionirt dafür und passionirt dagegen zu vernehmen hat, und die Sache selbst kennen lernt. Brendel bedauert allein, daß alles was uns sonst Freude in der Musik gemacht hat, nun todt und begraben sei; aber es sei nun nicht anders. Es kommt mir wie die Linke im Frankfurter Parlament vor, die Adel und anderes lang Bestandene abschaffte -, der Adel ist aber noch da und die Linke ist abgeschafft worden, oder hat sich durch Unvernunft selbst abgeschafft. Daß es die Form allein nicht ist, die eine Kunst macht, wissen wir ohne die neue Zeitschrift; daß es aber auch der Geist allein nicht ist, scheint die Zeitschrift nicht zu wissen. Der liebe Gott hat jedem seiner Geschöpfe eine Gestalt gegeben, und seinem vernünftigen, dem Menschen, die edelste; es ist auch glaube ich noch Niemand in den Sinn gekommen, diese anders gliedern zu wollen. Maler und Bildhauer haben alles was menschlich ist damit ausdrücken können und hätten es anders nicht gekonnt. Wo es anders ist, nennen wir's Verzeichnung, und die kommt nur bei solchen vor, die nicht zeichnen können. Reifröcke und Allongeperrücken gehören freilich nicht zur menschlichen Gestalt, und es ist manchmal schwer, aus solcher Kunst die Natur zu erkennen; aber ein bloßer Faltenwurf, unter welchem eben so gut ein Stuhl oder Tisch wie ein Mensch verborgen sein kann, ist noch weniger künstlerisch. - Beethoven hat vor seiner 9. Symphonie eine erste, zweite, ein Sextett, eine Adelaide, seine ersten Quartetten, Claviersonaten und so Vieles geschrieben, was eine Geschichte zu seinen spätern Werken bildet. - Es ist eine Zeit der Kindheit und einer glückseligen Kindlichkeit bei ihm da gewesen, ein Gefühl der Pietät für das was die Väter gethan und was die Menschheit gut gefunden hat. Das ist etwas anderes als Philisterei, das hat auch keinen verhindert, als Künstler originell zu sein oder zu werden. Bei aller innigsten Verehrung für Mozart und Haydn ist Cherubini Cherubini geworden und Sie sind Spohr geworden, vom Anfange in all Ihrer Eigenthümlichkeit, im Zusammenhange mit jenen. Dieser Zusammenhang mit Früherem ist aber das Positive und die Berechtigung des gesetzlichen Daseins. Was seinen eignen besondern Anfang hat, hat auch sein besonderes Ende. - Wenn Gluck sagt, daß er, wenn er eine Oper componire, vor Allem zu vergessen suche, daß er Musiker sei, so ist er eben in solchem, wo es ihm gelungen ist das zu vergessen, vereinzelt stehen geblieben. Er wundert sich in seiner Vorrede zur Alceste darüber, daß man seine Opern nicht durchaus zu Mustern genommen und daß es in Vielem beim Alten geblieben.2 Das ist das Dilettantische in ihm - das mehr unbewußt Künstlerische hat seine Wirkung ausgeübt, ohne daß andere eben Gluck'sche Opern geschrieben haben. Etwas ähnliches wie Gluck hat auch Wagner zur Intention. Auch einen ähnlichen Hochmuth dabei. Es giebt nichts hochmütigeres als ein Vorwort an seine Freunde vor dem Abdruck seiner 3 Operntexte3, ein Buch, welches Ihnen wohl bekannt sein wird. Eben wie der quartsechstharmonische Abt Vogler, der seiner Unfehlbarkeit so sicher war. Eine kleine Bedenklichkeit könnte immer dabei sein, daß die, welche keine recht selbstständige oder wie sie es nennen absolute Musik machen wollten, auch nie gezeigt haben, daß sie eine solche machen konnten. Raphael hat wohl nicht vergessen wollen, daß er Maler war, wie Gluck vergessen wollte, daß er Musiker sei, wenn er etwas componirte. Wie kann man auch vergessen, was man ist! Man kann nur vergessen, was einem angelernt ist - eine vernünftige Durchbildung kann man nicht vergessen, oder sich ihrer entäußern wollen.
Der Tannhäuser ist hier 3 mal gegeben worden.4 Der Beifall war noch in sich selbst unentschieden, nicht, daß er nicht laut gewesen wäre, aber man hört es auch dem Händeklatschen an, ob es aus einem sichern oder zweifelhaften Gefühle des Beifalls kommt. Das muß nun erst die Zukunft ins Reine bringen. Ich habe die Oper bei der ersten Aufführung gehört, hatte sie auch schon vor mehreren Jahren in Dresden, wo sie sehr gut gegeben wurde, gehört; ich war aber so wenig hier wie dort am Ende in einer Stimmung, wie sie nach einem guten Kunstwerk sein soll: in einer harmonisch befriedigten. Die unausgesetzte Spannung, mit der solch eine Musik uns entgegenkommt - eine Oper, an der der Componist Monate gearbeitet, die wir in 3 Stunden hören sollen - er hat Stunden und Tage der Erholung dazwischen gehabt, uns wird nicht ein Augenblick gewährt - das kann nur Abspannung beim Hörer hervorbringen, die um so eher eintreten muß, als das Ganze nur in wenig gegliedertem Fortgang besteht. Der Pilgergesang, der in der Oper oft wiederkehrt, hätte können ein ruhiges Moment bilden, an welchem das Leidenschaftliche sich als bewegtes darstellte, aber auch der ist gequält, in Melodie und Harmonie, und den Chorsängern zur Distonation gegeben. Es soll Wohl die Zerknirschung der Pilger sich aussprechen - die war hier aber nicht gerade hervorzuheben, ein ruhiges Element konnte hier poetisch und künstlerisch ganz passend eintreten. Selbst der Gesang des Hirtenknaben, nach der ersten leidenschaftlichen Scene im Venusberg, ist nur ein melodisches oder unmelodisches Curiosum - und es ist sehr unanständig von dem Jungen, nachdem er doch von dem Pilgerzug Notiz genommen und niedergekniet ist, daß er in die Zwischenpaufen des Chorgesangs sein Schalmeigedudel einschiebt. - Der Sängerkrieg mit seinem fortwährenden declamatorischen Tact wird zeitweis sehr langweilig. Im dritten Acte ist die lange ebenso recitirte Erzählung des Tannhäusers, vom Erfolg seines Zugs nach Rom, auch kein glücklicher dramatischer Moment. Musikalisch hat mir in dem Stück Lohengrin manches viel besser gefallen, als alles im Tannhäuser. Da kommen einige Chöre von der allerschönsten Klangwirkung vor. Ermüdend soll aber das Ganze des Lohengrin doch auch im hohen Grade sein, Ernst ist es aber wohl mit diesen Sachen gemeint und der ganze Mensch ist immer dabei gewesen; und das ist respectabel. Das poetische Element ist gewiß sehr bedeutend; es fehlt aber an einem Kunstelement. das leidenschaftlich auf uns Lastende des Inhalts frei zutragen, das ohne Form, als eine bloße Realität uns drückt und quält. Wenn man aus einem Drama oder einer Oper wie zerschlagen kommt, ist's doch noch nicht das Rechte damit.

Erwähnte Personen: Beethoven, Ludwig van
Cherubini, Luigi
Gluck, Christoph Willibald
Haydn, Joseph
Mozart, Wolfgang Amadeus
Raffaello Sanzio
Vogler, Georg Joseph
Wagner, Richard
Erwähnte Kompositionen: Wagner, Richard : Lohengrin
Wagner, Richard : Tannhäuser
Erwähnte Orte: Leipzig
Erwähnte Institutionen: Stadttheater <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1853020933

http://bit.ly/2jSMlKJ

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hauptmann, 23.01.1853. Der nächste überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Haupmann an Spohr, 03.03.1853.

[1] Zum Konzert am 17. und 20.01.1853 vgl. „Wagner's Lohengrin in Leipzig“, in: Neue Zeitschrift für Musik 36 (1853), S. 48f.; „Leipzig“, in: ebd., S. 50ff., hier S. 51f.; „Concert zum Besten des Orchester-Pensonsfonds im Saale des Gewandhauses zu Leipzig. Montag, den 17. Januar 1853“, in: Signale für die musikalische Welt 11 (1853), S. 34f.; „Dreizehntes Abonnement-Concert im Saale des Gewandhauses zu Leipzig. Donnerstag, den 20. Januar 1853“, in: ebd., S. 45.

[2] Das Vorwort zur Alceste-Partitur ist zwar mit Gluck unterschrieben, stammt aber vom Librettisten Raniero Calzabigi: Christoph Willibald Gluck, Alceste. Tragedia. Messa in Musica, Wien 1777, nicht paginiert.

[3] Richard Wagner, Drei Operndichtungen nebst einer Mittheilung an seine Freunde als Vorwort, Leipzig 1852, hier S. 1-188.

[4] Vgl. „Leipzig“, in: Neue Zeitschrift für Musik 38 (1853), S. 61f.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.01.2017).