Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.4 <Böhme 18520429>
Druck: Autographen (= Katalog Erasmushaus 920), Basel [2005], S. 99 (teilweise)

Sr. Wohlgeb.
Herrn Musikdirektor
Ferdinand Böhme
in
Dordrecht.
in Holland.

frei.


Cassel den 29sten
April 1852.

Hochgeehrter Herr,

Meinen herzlichen Dank für Ihren Glückwunsch zu meinem Geburtstage, und alle das freundliche und herzliche, was Ihr lieber Brief enthält! Längst schon hätte ich ihn abgestattet, hätte ich nicht vorher eine sehr eilige Arbeit vollenden müssen. Es war dieß die Bearbeitung meiner Oper „Faust“ in Rezitativen für das italiänische Theater in London, die ich auf den Wunsch des Prinzen Albert und seiner Gemahlin unternommen hatte. Die Oper in ihrer neuen Gestalt, (in 3 Akte ausgedehnt,) ist nun vor ein Paar Tagen nach London abgegangen, und ich athme wieder freier. Höchst warscheinlich werde ich in der Ferienzeit nach London gehen, um die erste Aufführung derselben selbst zu leiten.
Ich freue mich aus Ihrem Briefe zu ersehen, daß Sie fortwährend mit Ihrem Wirkungskreis zufrieden sind, und auch noch Zeit gewinnen um dann und wann1 Neues zu schaffen. Es sind doch die schönsten Stunden im Leben, die der Künstler, so recht erfüllt von einer anziehenden Arbeit am Schreibtisch zubringt. Der Augenblick, wo man ein neues Werk zum ersten Mal hört2, wiegt sie kaum auf. – Hier in Hessen ist es nun vollen nöthig, sich ganz in die Arbeit zu vertiefen, um die verzweiflungsvolle Lage des Landes, wenigstens auf Stunden, zu vergessen. Und auch nicht die geringste Aussicht zum Besserwerden! Halb Hessen wandert deshalb aus nach Amerika und Herr Hassenpflug wird in der That, wie auf der Karrikatur im Kladderadatsch, bald die Menschen mit der Laterne suchen müssen. Auch aus unsem Orchester sind kürzlich 8 Musiker3 ausgewandert, und es wird schwer halten, sie genügend zu ersetzen. Es befinden sich darunter der 1ste Fagottist und 1ster Oboist. Bey den Geigern sind wieder einige meiner Schüler angestellt, unter anderm ein recht fähiger, Jacobi aus Göttingen.
Meine Nichte Rosalie, die vorigen Winter eine Kunstreise nach Holland beabsichtigte, hat den ganzen Winter ihre kranke Mutter4 pflegen müssen, und ihr Instrument in der ganzen Zeit nicht berührt. Leider ist meine Schwägerin in diesem Frühjahr nun ihrer Krankheit, der Schwindsucht, erlegen und hat ihre beyden Töchter in einer Zeit verwaiset hinter lassen, wo sie einer mütterlichen Freundin so sehr bedürfen. Rosalie findet bey ihrer Harfe Trost, und ist von Neuem sehr fleißig. So wird mein Bruder ja wohl im nächsten Winter mit ihr die Reise nach Holland antreten.
Leben Sie wohl! Meine Frau er[wiedert] die ihr gesendeten Grüße.
Mit Hochachtung und Freundschaft

der Ihrige
Louis Spohr

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Böhme, Ferdinand
Erwähnte Personen: Albert Großbritannien, Prinzgemahl
Brange, Friedrich
Bührmann, Wilhelm
Görtelmeier, Heinrich
Hassenpflug, Ludwig
Jacobi, W.
Kuhlmann, August
Spohr, Louise
Spohr, Rosalie
Spohr, Wilhelm
Viktoria Großbritannien, Königin
Zeiss, August
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Faust
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Covent Garden <London>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1852042910

http://bit.ly/2ZSMipm

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Böhme an Spohr, 03.04.1852. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Böhme an Spohr, 03.04.1853.

[1] Hier ein Wort gestrichen.

[2] „hört“ über der Zeile eingefügt.

[3] Aus dem Vergleich der Besetzungen dieses und des Folgejahrs (Kurfürstlich Hessisches Hof- und Staatshandbuch (1852), S. 59; ebd.(1853), S. 59) lassen sich nur sechs Musiker erschließen, die das Orchester verließen, von denen August Kömpel nicht auswanderte, sondern an die Hofkapelle Hannover wechselte (Kurfürstlich Hessisches Hof- und Staatshandbuch (1852), S. 59; ebd.(1853), S. 59). Bei dem von Spohr im Folgenden ausdrücklich genannten Oboisten handelt es sich sicher um Heinrich Görtelmeier (vgl. auch Spohr an Emilie Zahn, 17.04.1852), bei dem Fagottisten wohl um Wilhelm Kuhlmann. Eindeutig später in den USA war der Spohr-Schüler August Zeiss tätig (vgl. David Mannes, Music is my Faith. An Autobiography, New York [1938], S. 47f.). Für den Spohr-Schüler Wilhelm Bührmann und den Hornisten Friedrich Brange ist eine Auswanderung zumindest möglich. Da der von Spohr erwähnte Schüler Jacobi auch nicht in den Besetzumgslisten auftaucht, ist es denkbar, dass Spohr hier weitere inoffizielle Mitglieder des Orchesters erwähnt.

[4] Louise Spohr.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.05.2020).