Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18511201>

Sr. Hochwohlg.
Herrn Dr. Louis Spohr
Kurfürstl. General-Musikdirector,
Ritter etc.
in
Cassel

franco.


Breslau d. 1 Dezemb 1851

Mein hochverehrter Freund und Gönner!

Wenn schon Herr Organist Brosig, der Ihnen einige Orgelkompositionen dedicirt1, mir sagte, daß Sie wohl und munter wären, so drängt mich’s doch selbst Ihnen zu schreiben, obgleich ich im Augenblick nicht viel zu melden weiß. Von politischen Dingen spricht man am liebsten gar nicht, sie sind keineswegs erfreulicher Natur, im Übrigen geht auch hier Alles seinen ruhigen Gang. Musizirt wird, wie immer, auch in diesem Winter viel. Unsere Konzerte im neuen Prachtsaale sind sehr besucht; neulich gaben wir Ihre schöne d moll-Sinfonie, die sehr sauber und schön ging und durch ihre Noblesse allgemein ansprach. Nächsten Donnerstag soll meine 6te in E daran kommen. Blecha giebt auch in diesem Winter mit den besten Mitgliedern der Theaterkapelle des Sonntags Quiartett-Matinéen, die sorgfältig vorbereitet werden; gestern spielte Elsbeth Pulvermacher Hummels E dur Trio darin, in der nächsten will ich ein Klavierquartett von Beethoven vortragen. Wie geht es bei Ihnen? Was man aus Kassel liest, macht einen ziemlich widerwärtigen Eindruck. Geben Sie auch diesen Winter Ihre Abonnementskonzerte? Neulich spielte man hier im Zwischenakte eines Schauspiels einen Marsch, in welchem die Melodie des Preußenliedes zufällig vorkam, das Publikum fing aber zu pfeiffen und zischen an, worauf sich der kommandierende General2 und der Polizeipräsident3 erhoben und applaudirten, woraus abermals der Spectakel nur noch ärger wurde. Einige Tage darauf erschien eine Verordnung vom Gouvernement, daß das Publikum, sowohl bei den betreffenden Stellen im Schauspiel, sowie überhaupt im Theater sich aller unpatriotischen Äußerungen zu enthalten habe, widrigenfalls man mit Militair das Theater räumen würde. Es wurde nun von Oben her befohlen, das Preußenlied wieder zu spielen, man wollte, wie es schien, einen Konflict herbeiführen; Polizei und Militair war requirirt; doch siehe da, es herrschte Todtenstille, weder Beifall noch Mißfallen wurde laut, und der Zweck war einigermaßen verfehlt. Daß die bunten Umschläge um die Schreibebücher der Schulkinder verboten sind, wissen Sie doch? es waren manchmal revolutionaire Bilder darauf, Robert Blum etc.4 – – –
Ihre verehrte Frau Gemahlin und alle Angehörigen und Bekannten grüßen Sie hochachtungsvoll bestens von mir. Erfreuen Sie mich recht bald mit einer lieben Zuschrift

wie immer
Ihr
dankbarer Verehrer
A. Hesse.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 12.06.1851. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 10.06.1852.

[1] Identifikation der Vier Orgelstücke, op. 12 nach Rudolf Walter, Moritz Brosig (1815-1887). Domkapellmeister in Breslau (= Schriften der Stiftung Haus Oberschlesien 3), Dülmen 1988, S. 54.

[2] Karl Friedrich David von Lindheim (vgl. Amts-Blatt der Königlichen Regierung zu Breslau 42 (1851), S. 145).

[3] Wilhelm von Kehler (vgl. Königlich Preußischer Staats-Kalender für das Jahr 1851, Berlin [1851], S. 393).

[4] Solche Verbote gab es auch in Sachsen (vgl. „Das Verbot gewisser lithographirter Bücherumschläge in den Schulen”, in: Sächsisches Kirchen- und Schulblatt 1 (1851), Sp. 292ff.; „Leipzig, 5. Oct.”, in: Regensburger Zeitung (1851), S. 1098; „Zwickau, 1. Sept.”, in: Nürnberger Kurier 05.09.1851, nicht paginiert) und Bayern (vgl. „Nachrichten aus Niederbayern”, in: Donau-Zeitung <Passau> 28.06.1851, nicht paginiert).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.04.2016).