Autograf: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main (D-F), Sign. Mus. Autogr. A. Schmitt A 157

Seiner Wohlgeboren
Herrn Kapellmeister L. Spohr etc. etc.
in
Cassel.

fro.


Hochverehrter Freund!

Leider habe ich erst erfahren, daß Sie hier waren, als es zu spät war, weshalb ich Ihnen meinen Gruß noch nachsende.
Doppelt leid that es mir, Sie nicht gesehen und gesprochen zu haben, indem ich Ihnen so viel zu sagen hätte, was man schriftlich nicht so kann.
Auch wäre mir es eine Art Satisfaction und Genugthuung gewesen, Sie – an Ort und Stelle – in meinem Schrank und meinen Vorrath von Manuscripte, die ich seit fünf bis 28 Jahre gesammelt u. zusammen geschrieben habe. bleiben zu lassen, wo man die Welt und fast keine Seele etwas weiß, und keiner ahnt: ob und daß ich fleißig war, welches mir zwar einerlei ist, aber natürlich bei Ihnen – nicht.
So sehr ich mir es in dem jetzigen Augenblicke, wo alles, u. auch die edle Musica weit weit herunter gekommen ist, fast für ein Glück rechne: gänzlich übersehen u. unbeachtet zu bleiben, während – in Theaters und auf den Clavieren getrommel und getrallert wird; so viel wäre es mir gewesen: einem Manne, wie Sie, hochverehrter Freund, durch die That zu zeigen: wie meine Rüstung eine so ganz andere ist, und wie wenig ich mich um diesen Unfug und Irrthum jetzt kümmere, sondern meinen Weg fortgehe: als wäre dieß nicht.
Wer – vor irgend einem Belang – könnte u. wollte auch dem Publikum nach dem Schnabel komponiren u was dieß für den Augenblick eben gerade so will? und thäte man‘s – morgen will es doch schon wieder etwas anderes, wie es eben die Mode von Paris, u. auch hier, so mit sich bringt.
Meine Hoffnung war und ist die: daß man es am Ende schon von selber satt wird, wozu sich bereits schon einzelne Symptome zeigen. Die Kugel des Unsinns muß eben ganz herunter, u. eh sie ganz herunter ist, ist keine Hoffnung zum besserwerden. Auch war eine vergebliche Mühe von mir, dahin zu wirken, daß Ihre Opern gegeben werden, die HH. Directoren hier lachen Einem in‘s Gesicht, kommt man ihnen ernsthaft damit.
Ich bin aber ganz ruhig, denn ob diese Herren wollen oder nicht – die Zeit wird schon kommen, wie sie müßen, und ob diese Herren wollen oder nicht – die Zeit wird schon kommen, wie sie müßen, und wo sie auch mehr Ehre im Leibe haben, einem Manne, wie Sie, die Eintrittskarte bezahlen zu lassen, was mich in der That – als ich‘s erfuhr – alterirte(???).
Jedoch, dieß unter uns, da ich nicht weiß, ob es H. Speyer recht ist, daß Sie es erfahren sollen.
Und weil ich gerade davon rede: Es ist, als wäre ein beßer Geist in die Menschen – namentlich in die Musiker – und in‘s besondere: in die hiesigen Musiker gefahren, denn gar kommt es hier nicht im geringsten mehr darauf an: was Einer ist und besitzt, sondern lediglich darauf: w i e mann es macht u. zu machen versteht. -
Alles gar Kniffe(?), Intrigen und Winkelzüge u Teufeleien! - Wer in aller Welt mag sich damit befassen und damit abgeben und besudeln! Ich – jedenfalls nicht Ich sage Ihnen dieß nur darum: damit Sie wissen, warum ich mich so von Allem zurück gezogen habe, und warum es mir auch gar im Traume nicht einfällt: öffentlich aufzutreten, oder gar ein Werk, und gar noch eine Oper aufführen zu lassen.
Man muß die Zeit und die Tollheit erst abtoben lassen, und wohl dem, der es abwarten, u dazu noch lachen kann, wie ich.
Dieß Gerede von Intrigen, diese kunstreiche Organisation der sogenannten Kunstpächter – mit ihrem vorgeschobenen Gelde voran – sie hinten, hieher oder querein – ist in der That interessant, u. manchmal mache ich mir den Spaß – hieher die Gardinen – und was da alle vorgeht – zu blicken. Früher – ärgerte ich mich darüber, aber jetzt – amüsirt mich‘s fast. Nur ein paar Pröbchen davon.
Als mein Osterfest zum erstenmal hier gegeben wurde, und ich meine Frau in der Loge abholte, er bat mich im Gedränge ein Herr: nur auf ein Wort! - und was war dieß Wort? - heimlich sagte er mir in‘s Ohr: „Sie haben gewagt dem Publikum Anklang abzu nöthigen, dieß wird ihnen bitter zu stehen kommen“. - Als meine Oper „Die Tochter der Nächte“ aufgeführt wurde, so lag es im Interesse von Guhr: daß keine Oper gefalle u. Anklang finden durfte, die er nicht dirigirte. So war es damals gerade.
Nun trat1 der Fall ein, daß Guhr gerade auf den Tag, wo diese Oper gegeben wurde u. gegeben werden mußte, und nicht mehr aufgeschoben werden konnte (die Direction war eines vollen Hauses sicher= krank wurde, u. daher nicht dirigiren konnte. Die Direction in tausend Nöthen – den Braten nicht zu verlieren – bat mich instädig: mein Werk selber zu dirigiren. Die Kiste(???) wohl kennend – wollte ich natürlich nicht daran, aber da diese nicht abließ mit Bitten, so taht ich‘s am Ende doch, u. sagte zu. Es war in der Frühe. Nun gieng die Komödie – vor der Komödie – los, u. was ich da – in dem einen Tage nicht alle erlebt habe, vergesse ich nie.
Die von Guhr gedungenen Claquers (wie ich erst nun erfahren hatte) rückten mit haufen weise in‘s Haus bei Tisch. Ich wollte von den Kerls natürlich nichts wissen, u. da sie am Ende unverschämt u. zudringlich wurden, so macht ich Miene(?): sie die Treppe hinunter zu werfen, wo mir Einer noch herauf rief: „dieß sollen sie heute Abend büßen“. – Mittlerweile wurde nun bekannt: daß Guhr krank sei, und nicht dirigiren könne, so wurde eine andere Claque beauftragt u. bestellt: die – nun vereint, mit den vor den Kopf gestoßenen – Guhrs Interesse vertreten sollte, und auch ehrlich vertrat, denn ich wurde mit einigem Zischen empfangen, als ich in‘s Orchester trat. Für noch mehr war gesorgt, und es amüsirt micht jetzt ordentlich, wenn ich an diese Komödie denke.2
So ist es hier, hochverehrter Freund! und wie mir‘s scheint, ist es jetzt noch toller u. häßlicher, als dann doch nicht ein Einziger da ist, der so viel Talent hat, als Guhr in der That u Wirklichkeit als Director besaß. - Pfui! ein häßlich Treiben! nicht nur meinen vier Pfählen(?) bin ich zu bringen, und wie glücklich fühle ich mich, es nicht nöthig zu haben. Dagegen arbeite ich Tag u. Nacht, u. wie war ich so fleißig u. ergiebig, als gerade jetzt, trotz der Jahre.
Im Laufe des September wird ein Musikfest in Celle bei Hannover statt finden, welches ich dirigire, u. wo mein Oratorium „Moses“ aufgeführt wird.3
Wie stolz wäre ich, kämen Sie zum Fest hie nach Celle: auf Händen sollten Sie getragen werden. Marschner kommt auch, nebst noch anderen musicalischen Notabilitäten. Sie – der Hochverehrte, dürfte eigentlich nicht fehlen, um dem Feste die Krone aufzusetzen. Ich – wäre dabei nun freilich am meisten interessiert u. betheiliget, denn – meines Wissens – aben Sie noch nichts Größeres von mir gehört, was ich doch so sehr möchte u. wünschte.
Was mich nun jetzt – aufrichtig gesagt – am meisten beglückt, ist: daß ich alles Irdische und Eitle abgestreift habe, und es mir so ziemlich gleichviel ist: ob jetzt – in dieser Zeit!!! Etwas von mir gefällt oder nicht. In der That, für nichts habe ich mehr Sinn u. Empfänglichkeit, als: für einen gegründeten Tadel, vom Manne von Fach und Würde. Die Jahre, ein ehrlich Bestreben, läutern mit der Zeit sehr.
Die Sache! die Kunst um ihrer selbst willen nicht um andere, eitle, vergängliche Zwecke! - Und bei Gott dem Allmächtigen, so ist es jetzt bei mir, u. in mir, und ferne sei mir jede schöne, wohlgedrechselte Sprache(???), die da nur unwahres sagt, u. die Wahrheit heuchelt. Und indem ich weiß, daß er auch bei Ihnen so ist, darum hätte ich Sie so gern gesprochen u bis uns gesehen u. bei uns gehabt.
Jedoch keine Etiquette! Ich komme doch zu Ihnen, wenn ich wieder nach Cassel komme.
Etwas wie ein recht Bedürfniß, wieder mit Ihnen sprechen(???)
Ihrer verehrten Frau Gemahlin, meine letzten Empfehl und die leise Anfrage: ob dieselbe meiner noch gedruckt u. meines C moll Trios: Sehr sollte mich‘s freuen, wäre dieß der Fall. Mit inniger großer Verehrung, bin u. bleibe ich fortan Ihr treuergebener

Aloys Schmitt.

Frankfurt den 25ten July
1851.

Erwähnte Personen: Guhr, Carl
Schmitt, Augusta Carolina
Erwähnte Kompositionen: Schmitt, Aloys : Moses
Schmitt, Aloys : Das Osterfest zu Paderborn
Schmitt, Aloys : Die Tochter der Wüste
Schmitt, Aloys : Trios, Vl Vc Kl, op. 105
Erwähnte Orte: Celle
Frankfurt am Main
Erwähnte Institutionen: Stadttheater <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1851072545

http://bit.ly/2CBl4Ed

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmitt an Spohr, 21.11.1850. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmitt an Spohr, 01.09.1852.

[1] Hier gestrichen: „gerade“.

[2] Vgl. Leo Utt, „Aus Frankfurt am Main“, in: Grenzboten 4.2 (1851), S. 120-125, hier S. 124.

[3] Tatsächlich dirigierte Schmitts Sohn Georg Alois das Oratorium (vgl. „Celle“, in: Neue Zeitschrift für Musik 35 (1851), S. 237; „Celle“, in: Süddeutsche Musik-Zeitung 1 (1852), S. 52).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.02.2018).