Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18510403>

Sr. Hochwohlg
Herrn Dr. Louis Spohr,
[Kurfürstl] General-Musikdirector
etc
in
Cassel

frei.


Breslau d. 3 April 51

Mein hochverehrter Freund und Gönner!

ich kann nicht unterlassen, Ihnen zu Ihrem Geburtstage zu gratuliren. Mit Wehmuth denke ich an das verflossene Jahr, wo ich Ihnen in Gesellschaft Ihres lieben Nichtchens1, die gerade hier Triumphe feierte, zu diesem Tage Glück wünschte, und wo mich dabei die freudige Hoffnung beseelte, in ein paar Monaten Sie selbst in Breslau’s Mauern zu haben. Wie golden war doch gegen jetzt noch die Zeit; doch muß sich es wohl bald einmal ändern, und hoffe ich, daß Sie mit Ihrem großen, kräftigen Geiste Alles glücklich überwinden werden. Es vergeht natürlich kein Tag, wo wir uns nicht Ihrer erinnern; vor 3 Wochen und vor 8 Tagen aber in ganz besonders poetischer Weise. Es wurde nämlich heut vor 3 Wochen [zu] Blechas Benefiz im imposanten Saale des Kroll’schen Wintergartens mit verstärkter Theaterkapelle Ihre Weihe der Töne gegeben, und zwar, ohne Eigenliebe gesagt, in vollendeter Weise. Eine Streichquartett- und drei sorgfältige Orchesterproben gingen der Aufführung voran, so daß dann die feinste Nüaneirung zu Tage kam. Die sprudelnde Quelle im ersten Satz, die Vögelstimmen, der Sturm, alles schön und goldrein, das Andante mit seinen verschiedenen Tempis ging aalglatt vorüber, das Wiegenlied war nur ein Hauch, und das Ständchen wurde von den Violonzellen sehr schön gespielt; die verschiedenen Elemente sonderten sich so klar ab, daß es eine Freude war. Marsch und Tedeum wirkten kolossal, das Gefühl der Zurückbleibenden, das ich leidenschaftlich nahm, ohne der Klarheit Eintrag zu thun, wirkte poetisch, und der letzte Satz wehmüthig und beruhigend. Es waren 1000 Zuhörer gegenwärtig, und wurde das herrliche Werk vor einer Woche auf allgemeines Begehren wiederholt, wo es ebenso schön ging. Schnabel gab sie 3 Tage vorher im deutschen Konzerte, und die andern Kapellen spielten zufällig in derselben Woche Ihre 1te und 2te Sinfonie recht wacker; wenn man an eine Straßenecke kam, las man: Sinfonie von Spohr. Im Andante der Weihe der Töne gab ich bei den zusammenkommenden Tempis alle 16 Theile herunterschlagend über dem Pulte in die Hand, wobei es ohne jede Schwierigkeit ging.
Heut geben wir Hayd’ns Sinfonie in Es mit dem Paukenwirbel, und vor 14 Tagen war die schöne F moll-Sinfonie von Louis Maurer. — Wenn Sie in der Stimmung wären, mir ein paar Zeilen zukommen zu lassen, so würde mich das sehr beglücken.
Zum 5ten gibt Mosevius in der Aula die Jahreszeiten von Haydn und am 10ten Schnabel daselbst die Schöpfung. Hier wird immer noch sehr viel musizirt; in jeder Woche regelmäßig 3 Sinfonien. Im Theater gibt man jetzt die Fanchon, welche doch auch recht hübsche, klare Sachen enthält, wenn schon uns manches etwas matt vorkommt. — Ihrer Frau Gemahlin und deren und Ihren Angehörigen bitte ich mich hochachtungsvoll zu empfehlen. Die Theaterkapelle, sowie alle sonstigen Künstler und Kunstfreunde grüßen Sie herzlich.

Hochachtungsvoll
Ihr
ergebener Verehrer
A. Hesse



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 03.02.1851. Spohrs nächster Brief vom 08.06.1851 ist derzeit verschollen.

[1] Rosalie Spohr.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.04.2016).