Autograf: Niedersächsisches Landesarchiv Wolfenbüttel (D-Wa), Sign. 17 N, Zg. 5/2008 Nr. 599
Druck: „Vom Heimatmuseum”, in: Gandersheimer Kreisblatt 05.02.1924

Sr. Wohlgeb
Herrn Musikdirector
Ferd. Böhme
in
Dordrecht

frei.


Cassel den 11ten Mai
1850.

Hochgeehrter Herr,

Schon längst hätte ich Ihnen für Ihren freundlichen Glückwunsch zu meinem Geburtstage meinen herzlichen Dank aussprechen und Ihren lieben Brief beantworten sollen; es hatte sich aber während meiner Krankheit eine solche Masse von Correspondenz angehäuft, daß ich bis jetzt mich nur damit beschäftigen konnte, die eigentlichen Geschäftssachen abzuthun. Diese sind nun beseitigt und ich beeile mich denn Ihnen für alles Gute und Liebe was Sie mir in Ihrem Briefe sagen, den besten Dank darzubringen.
Ich habe dieses Mal meinen Geburtstag in besonders fröhlicher Stimmung gefeiert, denn erstlich fühlte ich mich wieder ganz wohl und in der gewohnten Weise zur Arbeit befähigt, was ich während der Krankheit1, bey der fortdauernden Unklarheit im Kopfe, nicht hatte hoffen dürfen, und zweitens wurde er auch interessant musikalisch begangen, indem der hiesige, neu erstandene Tonkünstler-Verein eine Musikaufführung von einer ganzen Reihe meiner Instrumental- und Gesangskompositionen veranstaltet hatte. Die allgemeine Theilnahme, die mein Unfall hier gefunden hatte, sprach sich sowohl in einem Prolog, wie auch in der Weise, wie die Feier stattfand, auf das herzlichste aus. -
Die erste Sorge nach meiner Genesung war zu erproben, ob ich noch in der alten Weise zu arbeiten im Stande sey. Ich begann daher sogleich eine größere Arbeit, eine Sinfonie, die 9te, zu der ich bereits während der Krankheit (und zwar wieder meinen Willen, von meinen Gedanken während der schlaflosen Nächte dazu gedrängt,) den Plan entworfen hatte. Da ich sie zu einer Aufführung in unserm Pfingst-Concerte bestimmt hatte, so war ich unausgesetzt darüber her und brachte sie auch zur rechten Zeit in die Hände des Abschreibers. Nun hat uns aber der Kurfürst die Erlaubniß zum Concert verweigert und Befehl gegeben, daß am ersten Festtage Theatervorstellung stattfinden soll. Ich hätte daher solche Eile nicht nöthig gehabt. Die Sinfonie wird nun ihre erste Aufführung außerhalb Cassel erleben, nämlich in Breslau, wohin wir, meine Frau und ich, während der Ferien gehen. Dort werden für die Zeit unsres Dortseyns schon große Vorbereitungen getroffen. Im Theater wird zum zum ersten Mal Zemire u. Azor unter meiner Leitung aufgeführt, dann in dem größten der dortigen Säle ein Concert zum Besten der dortigen Musiker-Wittwenkasse gegeben werden, in welchem vor allen dort vorhandenen musikalischen Kräften eine Auswahl der dort vorzugsweis beliebtesten meiner Kompositionen aufgeführt werden soll. In diesem Concerte werde ich auch die neue Sinfonie zum ersten Mal zu Gehör bringen. Es ist wieder eine, zur Gattung der malenden gehörige und heißt: Die Jahreszeiten. Erster Satz: Der Winter, ein stürmisches Allegro im H-moll. 2ter Satz Der Frühling, Scherzo moderato in G-dur. 3ter Satz: Der Sommer, ein breites Adagio in H-dur mit Sordinen und endlich der Herbst ein Finale mit vielem Jagd- und Ärndte-Jubel in D und H-Dur. Da ich [aller]ley neue Zusammenstellungen versucht [habe], so bin ich auf die Wirkung sehr ge[spannt] und sehe daher der ersten Probe ungedu[ldi]g entgegen.
Ihre Ouvertüre würden wir gern in einem unserer Concerte zu Gehör bringen, wenn Sie uns dazu die ausgeschriebenen Stimmen borgen wollten. Unsere Wittwenkasse ist leider jetzt so arm, daß wir gar nichts neues mehr von Musik, weder anschaffen noch ausschreiben lassen können.
Am letzten Charfreitag haben wir den Elias von Mendelssohn wiederholt und dieß herrliche Werk hat dieses Mal noch mehr Anerkennung gefunden wie früher.
Leben Sie wohl. Unter freundlichen Grüßen meiner Frau mit Hochachtung u Freundschaft
der Ihrige Louis Spohr

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Böhme, Ferdinand
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Böhme, Ferdinand : Ouvertüren
Mendelssohn Bartholdy, Felix : Elias
Spohr, Louis : Die Jahreszeiten
Spohr, Louis : Zemire und Azor
Erwähnte Orte: Breslau
Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Stadttheater <Breslau>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1850051110

http://bit.ly/3gCmqE0

Spohr



[1] Vgl. Spohr an Adolph Hesse, 21.02.1850; Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 332.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.05.2020).