Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18500430>

Breslau d. 30 April 50

Hochgeehrter Freund und Gönner!

Es naht nun die Zeit, wo wir uns immer mehr auf Ihren lieben Besuch freuen; da wir nun unsere große Verehrung, die wir für Sie hegen, bethätigen wollen, so ist es nöthig, daß Sie davon Einiges erfahren, damit später alles in bester Ordnung vor sich gehen kann. Zu diesem Endzwecke bitte ich Sie in meinem und im Namen derer, welche mit uns die Leitung der Angelegenheit übernommen haben, und wenn Sie es vermögen, Ihre Ankunft recht bald ziemlich genau zu bestimmen; zugleich möchte ich auch die ergebene Bitte hinzufügen, wenn es angeht, Ihre Reise so zu arrangiren, daß Sie bald nach Beginn Ihrer Ferien zu uns kommen, weil wir da unsere musikalischen Kräfte alle beisammen haben, später verreisen doch so Manche, die wir gerne dabei haben möchten; doch überlasse ich dies alles Ihrem Ermessen. Vorläufig haben wir folgenden Plan: Im Theater wird Zemire und Azor einstudirt und soll, wofern Sie dazu geneigt sind, unter Ihrer Direction zum erstenmale gegeben werden. Dann wollen wir Ihnen zu Ehren in der Aula Leopoldina, unserm imposanten Saale, ein Konzert veranstalten, um dessen Leitung wir Sie noch ergebenst bitten. Nach vorhergegangenen Proben würden Sie nur die Generalprobe und die Ausführung zu leiten brauchen. Die Singakademie von Mosevius, der Künstlerverein und die Theaterkapelle sollen dabei mitwirken und folgende Liebslingssachen unseres Publikums zur Aufführung kommen 1) Ouvertüre zu Faust, Berggeist, oder Jessonda. 2) Arie aus Faust (der Kunigunde). 3) Sinfonie Nr. 3 in c-moll. 4) Vater unser. Die Einnahme soll zum Besten der Musiker-Kranken- und Witwenkasse verwendet werden. Dann bitten wir Sie, uns den Genuß Ihres Spieles an einem Quartett-Abende zu Theil werden zu lassen. Wenn ich da einen Privatwunsch aussprechen darf, so geben Sie uns wohl unter Anderem: Quartett in es
[Nbs.]
etc. 2) Ihr neues Sextett und das 3te Doppelquartett; doch alles wieder nach Ihrem Ermessen. Sind Sie nicht böse und glauben Sie ja nicht, daß ich mit diesen Zeilen sozusagen über Ihre Person verfügen will, es sind dies alles ergebene Wünsche; doch wenn Sie einmal ausgesprochen werden sollen, so ist es immer gut, wenn es nicht zu spät geschieht. Das Übrige Alles bleibt unser Geheimniß. Ich werde alle Tage wenigstens 20mal gefragt: kommt Spohr noch? und wann? Schreiben Sie mir gütigst recht bald, damit ich die Leute mit einer bestimmten Nachricht beglücken kann, hauptsächlich aber, damit wir wohl vorbereiten können. Trios von sich bringen Sie wohl auch mit, und noch mehrere Quartetten zu gefälliger Auswahl. Alles hängt indeß von Ihrer Großmuth ab.
Grüßen Sie Ihre liebe Frau Gemahlin, ich freue mich recht herzlich sie bei uns zu sehen.

Hochachtungsvoll
Ihr
dankbarer Verehrer
A. Hesse.

Bleiben Sie nur so lange als möglich bei uns, damit wir in Kunst und Natur recht schwelgen können. Die zum Konzert gewählten Nummern sind Lieblingssachen, genau vom Publikum und Orchester gekannt und deshalb für das Einstudiren und zum Verständniß der Hörer sehr zweckmäßig; ich hoffe auch Sie werden damit vielleicht einverstanden sein.



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 03.04.1850. Spohr beantwortete diesen Brief am 03.05.1850.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.04.2016).