Autograf: Universitätsbibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms.Hass. 287

Hochzuverehrender Herr Capellmeister!

Wer sich gegen Jedermann gefällig und zuvorkommen zeigt, gern mit Rath und That an die Hand geht, wird oft überlaufen und dadurch in seinen Arbeiten gestört. Das ist bei Ihnen verehrter Herr Capellmeister gewiß sehr häufig der Fall, und ich glaube, Sie haben oft ursache über Zudringlichkeit und Undankbarkeit zu klagen. Auch ich gehöre unter die Zahl derjenigen welche Ihre Güte schon mehrfach in Anspruch genommen haben. Ich kann Ihnen aber die Versicherung geben, daß sie dieselbe an keinen Undankbaren verschwendet. In der Voraussetzung daß Sie mir ein abermaliges Anliegen nicht übel deuten, erlaube ich mir die ergebenste Bitte, wenn es ihre Geschäfte erlauben, beikommende Symphonie meiner Composition, einer gefälligen Ansicht zu würdigen, und mir Ihre offene Meinung darüber mitzutheilen.
Während meines früheren 8jährigen Aufenthaltes in Leipzig schrieb ich 2 Symphonien und hatte das Glück sie auf dem Gewandhause zur Aufführung zu bringen.1 Später als Mendelssohn an die Direktion kam, wurden sie beiseite gelegt, und ich habe es seit der Zeit nicht wieder gewagt etwas der Art einzusenden.2 Beikommende Symphonie schrieb ich vor einigen Jahren. Ich habe sie später einer Revision unterworfen und vor Kurzem in Sondershausen zur Aufführung gebracht. Der Umstand daß sie da selbst nicht mißfiel und ich von den dortigen Musikfreunden aufgefordert worden, sie in Leipzig zur Aufführung zu bringen, ist die Veranlaßung meiner ergebensten bitte an Sie, hochverehrter Herr Capellmeister. Es ist mir nähmlich von früher her bekannt, daß diejenigen zur Aufführung auf dem Gewandhause, nach Leipzig eingesandten Manuscripte, wenn sie nicht von renommirten Componisten kommen, unangesehen zurück geschickt, oder bei Seite gelegt werden. Daher erlaube ich mir den Wunsch, Sie mögten – wenn Sie meine Composition einer Aufführung nicht unwürdig finden – die Freundlichkeit haben, meine Arbeit, dem leipziger Concert-Direktorium zur Aufführung gütigst empfehlen. Ein freundliches Wort von Ihnen gilt ja mehr als lange Anpreisungen von Andern. Sollte aber meine Arbeit von der Art seyn daß sich nicht zu einer weiteren Verbreitung eignete, so bitte ich es mir unumwunden wißen zu lassen. Mit der Bitte meine Zudringlichkeit gütigst zu entschuldigen, und der nochmaligen Versicherung daß Sie Ihre Güte an keinen Undankbaren verschwenden, verbleibe ich, hochzuverehrender Herr Capellmeister

ganz ergebenster
F.W. Sörgel.
Musikdirektor.

Nordhausen d. 31 August.
1849.

Autor(en): Sörgel, Friedrich Wilhelm
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Mendelssohn Bartholdy, Felix
Erwähnte Kompositionen: Sörgel, Friedrich Wilhelm : Sinfonien, Nr. 1
Sörgel, Friedrich Wilhelm : Sinfonien, Nr. 2
Sörgel, Friedrich Wilhelm : Sinfonien, Nr. 3
Erwähnte Orte: Leipzig
Erwähnte Institutionen: Gewandhaus <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1849083143

http://bit.ly/2ApkzP0

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Sörgel, 18.04.1846. Spohr beantwortete diesen Brief am 21.09.1849.

[1] Aufführungen der 1. Sinfonie im Sommer 1823 (vgl. Allgemeine musikalische Zeitung 25 (1823), Sp. 786-792, hier Sp. 788) und am 03.11.1823 (vgl. „Leipzig, am 26. Juny. Abonnement-Concerte von Michaelis 1823 bis Ostern 1824”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 26 (1824), Sp. 485-490, hier Sp. 486). Aufführung der 2. Sinfonie am 17.03.1825 (vgl. „Leipzig, vom 1sten Januar 1825 bis zum Schluss unserer Abonnement-Concerte“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 27 (1825), Sp. 424-430, hier Sp. 426; „Leipzig, Anfang Mai“, in: Morgenblatt für gebildete Stände 19 (1825), S. 587f., hier S. 587). Eine weitere Aufführung der 2. Sinfonie am 11.12.1837 durch den Musikverein Euterpe in Leipzig (vgl. „Leipzig“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 27 (1825), Sp. 835Ff,, hier Sp. S. 836).

[2] Am 18.11.1839 sandte Sörgel eine, vermutlich die in diesem Brief erwähnte, Sinfonie an Felix Mendelssohn Bartholdy (vgl.Felix Mendelssohn Bartholdy, Sämtliche Briefe, Bd. 7, hrsg. v. Ingrid Jach und Lucian Schiwietz, Kassel 2013, S. 542). Mendelssohn lehnte die Komposition am 02.01.1840 ab (in: ebd., S. 123).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.09.2019).