Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18481122>

Sr. Hochwohlgeboren
Herrn General-Musikdirector
Dr. Louis Spohr, Ritter hoher
Orden etc.
in
Cassel


Breslau den 22. Novemb. 48.

Hochgeehrter Freund und Gönner!

Die Tochter unseres Regisseurs Marder, Fräulein Marie, eine Freundin Ihres Herrn Schloß und seiner Frau, hat mich aus Frankfurt a.M.1, wo sie jetzt lebt, ersucht, ihr einige Zeilen der Empfehlung an Sie dorthin zu senden. Sie möchte gerne auf Ihrem Hoftheater als Pianistin auftreten. Da sie vor einem Jahre hier gelebt, und ich sie oft gehört und mit ihr selbst gespielt habe, so kann ich sie allerdings als eine ganz vortreffliche Pianistin empfehlen. Ihre Virtuosität ist bedeutend und ihr Spiel hat Feuer und Leben. Sollten Sie, verehrter Freund, geneigt sein, etwas in dieser Sache zu thun, so dürfen Sie nur mit Schloß sprechen, er wird das Nötige dann besorgen. Ein Honorar würde allerdings Bedingung sein. Das Fräulein, welche, nebenbei gesagt, eine höchst anmuthige Erscheinung ist (ein schwarzes Lockenköpfchen, wie man es selten sieht) ist auch sonst sehr musikalisch, ich spielte die neuesten Ihrer Kompositionen mit à 4 mains, ich habe sie stets dabei tüchtig auf dem Platze gefunden, was schon etwas sagen will. Hier in Breslau hat sie sehr häufig in den Konzerten mit größtem Beifall gespielt.
Der Vater von Neumann hat mir gesagt, daß er Ihnen eine kleine Abschlagszahlung bereits gemacht habe und damit fortfahren werde. - An Richter, dessen Vater Justitiarius in Tarnowitz (Oberschlesien) ist, hat Schön geschrieben, er solle Ihnen das Honorar senden und sich wegen der Wohnung etc. erklären. Hier sieht es wieder böse aus; am vorigen Sonntage hat eine Rotte Tumultanten (bewaffnet) ein bischen rothe Republik haben wollen. Durch Reden bei einer Volksversammlung aufgestachelt, wirtschafteten die Kerls in der Stadt herum, maltraitirten die Glöckner an den Kirchen, drangen auf die Türme und leuteten Sturm, um das Landvolk herbeizuziehen. Bei einem Kollegen, Organist Seidel sind sie in der Nacht 12 Uhr eingedrungen und haben ihn beängstigt. Das Alles läßt man hier gewähren, eine Militärmacht von 20000 Mann umgibt Breslau und darf nicht einschreiten, weil Magistrat und Stadtverordnete vom Volke und dem höchst gefährlichen Institut der Bürgerwehr (unter denen es böse Kerls giebt, die auf rothe Republik hinarbeiten) terrorisiert werden. Das Militair soll erst einschreiten, wenn die Bürgerwehr nicht mehr ausreicht; sie reicht aber nie aus. Vorgestern ist es im Sitzungssaal des Magistrats und der Stadtverordneten zu einem Konflikt zwischen ihnen und dem Bürgerwehroberst gekommen, worauf 72 von der Bürgerwehr eindrangen, großen Lärm machten und einer davon auf den Vorsteher Prof. Regenbrecht anlegte um ihn zu erschießen.2 Doch genug des Unerquicklichen.
Unsere Theaterkapelle fährt fort ihre Konzerte zu geben, neulich wurde L. Maurers Sinfonie Nr. 1 f moll (op. 67) gegeben und mußte wiederholt werden. Das Werk ist sehr schön, voll Feuer und Geist, reich harmonisch und superb instrumentirt; es ist bei Weitem das Beste, was Maurer je geschrieben. Geben Sie sie doch auch einmal, sie wird Ihnen sehr gefallen. Wenn Sie einmal ein Stündchen übrig haben, so beglücken Sie mich mit einigen Zeilen. Ihre Frau Gemahlin, deren und Ihren Angehörigen etc. bitte ich mich hochachtungsvoll zu empfehlen.

Wie immer
Ihr
dankbarer Verehrer
A. Hesse.

Autor(en): Hesse, Adolph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Marrder, Marie
Neumann, J.G.
Regenbrecht, Michael Eduard
Richter (Schüler von Spohr)
Schloß (Frau von Max Schloß)
Schloß, Max
Schoen, Moritz
Seidel, Johann Julius
Erwähnte Kompositionen: Maurer, Louis : Sinfonien, op. 69
Erwähnte Orte: Breslau
Kassel
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1848112231

http://bit.ly/1YCR6Vy

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, zwischen dem 21. und 31. Oktober 1848. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 04.05.1849.


[1] Vgl. „Reisen, Concerte, Engagements”, in: Neue Zeitschrift für Musik 30 (1849), S. 180.

[2] Vgl. „Breslau, 21. Nov.”, in: Dresdner Zeitung (1848), S. 304.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.04.2016).