Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck: Moritz Hauptmann, Briefe von Moritz Hauptmann, Kantor und Musikdirektor an der Thomasschule zu Leipzig an Ludwig Spohr und Andere, hrsg. v. Ferdinand Hiller, Leipzig 1876, S. 28ff.

Leipzig, den 5. Nov. 1847.

Lieber Herr Kapellmeister!

Ein sehr trauriger Anlaß ist es, der mich heute Ihnen zu schreiben führt: - Mendelssohn ist gestern Abend 9 Uhr gestorben. Vor drei Wochen ungefähr hatte er einen schlagartigen Anfall, der ihn außer dem Haufe, indem er mit Frau Frege den Elias am Clavier durchging, traf. Den zweiten Tag darauf fand ich ihn zwar angegriffen aber vermeintlich ganz in der Besserung begriffen, einen Tag später wurde er wieder krank, erholte sich darauf, nachdem sich ein sehr heftiger Kopfschmerz durch starkes Nasenbluten gelöst hatte, wieder, war wieder einige Mal ausgefahren und selbst ausgegangen und fühlte sich fast genesen. Seit vorigem Freitag aber stellte sich neues Uebelsein, heftigste Congestion des Blutes nach dem Kopfe, Kälte an Händen und Füßen, Schmerzen im Rückgrat und Kopf, ebenso schon momentane und später anhaltende Besinnungslosigkeit ein und von dieser Zeit an verschlimmerte sich der Zustand, in den letzten zwei Tagen lag er ruhig und besinnungslos bis zum Augenblicke des Verscheidens. Daß der heutige ein Tag allgemeinster Trauer hier ist, können Sie wohl glauben — aber was ist das gegen den Schmerz der Frau und den Verlust der Kinder! Er hat ein schönes, thätiges Leben geführt und auch in seiner Gegenwart die Anerkennung gefunden, die er und sein reines künstlerisches Streben verdienten. Seine Leiche wird nach dem Wunsche der Geschwister nach Berlin gebracht. Sonntag Abend wird in hiesiger Paulinerkirche die Begräbnißfeier gehalten, zu welcher der Sarg in die Kirche gebracht, dann auf einem Leichenwagen nach Berlin gefahren wird.1 Mendelssohn hatte schon beim ersten Anfalle die Ahnung seines Todes, er rief aus, „ich komme zu meiner Schwester,”2 - dann war er aber wieder der sicheren Hoffnung zu genesen, ich habe ihn zweimal wieder aufgeräumt und gesprächig gefunden, er war mir immer recht herzensfreundlich, so auch diese beiden Male, wo ich, als ich aus Furcht, daß es ihn angreifen könnte, den Besuch abkürzen wollte, von ihm gebeten wurde länger zu bleiben und wo er das letzte Mal besonders sich verstimmt über manches des neuern Musikwesens aussprach, überhaupt von allem öffentlichen Musikwirken sich zurückziehen und so viel er noch könne zu Haus arbeiten wolle. In der Schweiz hat er sich sehr wohl befunden und hat den Winter wollen mit seiner Familie in Italien zubringen; den Elias in Berlin und Wien aufzuführen davon ist er zurückgekommen, schon in Frankfurt hat er sich unbehaglich gefühlt. Hier hat er doch noch ein Quartett geschrieben. In der Schweiz hat er den 1. Akt seiner Oper „Loreley" vollendet.
Mit besten Wünschen [...]

Erwähnte Personen: Frege, Livia
Hensel, Fanny
Mendelssohn Bartholdy, Felix
Erwähnte Kompositionen: Mendelssohn Bartholdy, Felix : Elias
Mendelssohn Bartholdy, Felix : Loreley
Mendelssohn Bartholdy, Felix : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 80
Erwähnte Orte: Berlin
Frankfurt am Main
Leipzig
Wien
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1847110533

http://bit.ly/2iRRzY8

Spohr



Der letzte überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Hauptmann an Spohr, 07.02.1847. Spohr beantwortete diesen Brief am 09.11.1847.

[1] Vgl. „Mendelssohn-Bartholdy's Todtenfeier in Leipzig und Begräbniss in Berlin”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 49 (1847), Sp. 776f.

[2] Fanny Hensel.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.01.2016).