Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18441031>

Cassel den 31sten
October 1844.

Geehrter Freund,

Allerdings hätte ich Ihnen schon längst schreiben und für die Übersendung der „letzten Dingen“ die richtig in meinene Hände gekommen sind, danken sollen; allein ich war seit der Rückkehr von Paris einmal wieder sehr geplagt und so kam ich immer nur zu der allernöthigsten Geschäftscorrespondenz. Auch war ich 8 Tage wieder abwesend und zwar zur Direction eines Musikfestes in Braunschweig, wozu mir der Prinz ganz unerwarteterweise Urlaub gab. Es wurde vom 1sten Tage in der Kirche mein letztes Oratorium so grandios und gelungen gegeben, wie ich es, (selbst in England,) noch nicht gehört habe!1 Der Chor fast 600 Personen stark, war vortrefflich eingeübt, die dortigen Solosänger, Mad. Fischer-Achten, Mad. Müller, Schmetzer, Pöck2 und Fischer waren ausgezeichnet und das Orchester, durch Musiker aus Hannover, Magdeburg, Leipzig und Berlin verstärkt, insgesamt kräftig und höchst präzis, so daß ich diese Aufführung fast meine allerbeste nennen mögte. Am 2ten Tage Nachmittags fand in einem sehr großen Saale ein Concert statt, in welchem Müller ein Adagio aus meinem 11ten Concert und mit Zimmermann aus Berlin, seinem Sohne3 und unserm Bott das Quadrupel-Concert von Maurer spielte. Zum Anfang des 2ten Theils dirigirte ich meine 5te Sinfonie die im Voraus von der dortigen Kapelle eingeübt, ebenfals ganz musterhaft ging. Die starke Besetzung imponirte im Saale noch mehr als in der Kirche. Am Abend gab man mir im demselben Saale eine Festivität, wozu er ganz feenhaft ausgeschmückt war. Zuerst wurde eine kl. Cantate für Frauenstimme[n] mit Orchester von Methfessel gegeben4; diesem schloß sich ein krätiger Männerchor an5, beydes voll der schmeichelhaftesten Huldigungen meiner Landsleute. Hiermit war die Festlichkeit geendet, es wurden aber noch viele hübsche Gesänge gesundgen und das Ganze mit einem Ball beschloßen. – Dieser Ausflug hat mir viel Freude gewährt, um so mehr, da es das erste Mal war, daß ich in meiner Vaterstadt eine meiner größeren Kompositionen dirigirt habe und zwar in derselben Kirche, wo ich getauft bin.6 – Meine Oper wird jetzt einstudirt, doch erst am Neujahrstage, wo wir immer eine neue Oper, abonnement suspendu geben, zur Aufführung kommen. Sie ist schwerer, wie ich dachte und ich bin daher froh noch viel Zeit zum sorgfältigen Einüben zu haben.
Die Musikaufführung die mir im Conservatorium zu Paris veranstaltet wurde, war mir vom allerhöchsten Interesse.7 Ich bin nun auch zu der Überzeugung gekommen, daß dieses Orchester, aus 90 der vorzüglichsten Künstler von Paris zusammengesetzt, das erste der Welt ist. Da ich meine 4te Sinfonie mit ihnen einübte, die ihnen völlig unbekannt war, so konnte ich so recht die Fähigkeiten dieses Orchesters beurtheilen und gegen die anderen, z. B. das meinige, abwägen. Die Noten wurden gleich, mit wenigen unbedeutenden Ausnahmen, vollkommen rein und richtig gebraucht und bey der Wiederholung fehlte auch keine der feinsten Nuancen. Das Andante mit den drei verschiedenen Taktarten machten sie drei Mal, die übrigen Sätze zwei Mal aber nun war es auch so ausgefeilt, daß wir gleich vor das Publikum hätten treten können. – Nach meiner Sinfonie gaben sie mir die Pastoralsinfonie zu hören, bey welcher besonders das Gewitter von den Geigen und Bässen mit einer Virtuosität ausgeführt wurde die mich ganz hinriß. Erstaunlich war mir auch der Enthusiasmus des Orchester und der vielen andern, als Zuhörer anwesenden Künstlern. Es war ein schöner Morgen!
In den letzten 14 Tagen hatten wir 2 interessante Concerte im Theater, beyde von Rudolph Willmers gegeben.8 Sein Spiel ist höchst vollendet und vereint wirklich die Vorzüge aller andern Claviervirtuosen. Seine Kompositionen sind leider bey weitem nicht so gut und er hätte besser größtentheils fremde Sachen zu spielen. Dieß that er in Privatgesellschaften sehr häufig und nie habe ich Beethovensche Trio‘s so wie 2 von den meinigen aparter und geschmackvoller vortragen hören. Auch die Henselt‘schen und Chopin‘schen Kompositionen spielt er in höchster Vollendung und entzückt alle Welt damit. Dabey haben die Instrumente unter seinen Händen einen Wohlklang der ganz hinreißend ist und den es wahrscheinlich noch der Humnmel‘schen Schule verdankt. Ich wünschte, er käme auf seiner Reise nach Wien auch nach Berlin! –
Für Ihr Bild, welches sehr ähnlich, aber nicht geschmeichelt ist, den besten Dank. Zu Ihrer neuen Bürde unsern herzlichen Glückwunsch!9 Von allen Ihren hiesigen Bekannten freundliche Grüße! Von Herzen der Ihrige Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 25.10.1844. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 10.01.1845.

[1] Vgl. den Aufführungsbericht Al., „L. Spohrs Oratorium: ,Der Fall Babylons‘“, in: Allgemeine musikalische Zeitung, 46 (1844), Sp. 735-741.

[2] Dem Aufführungsbericht in der Allgemeinen musikalischen Zeitung zufolge, sang Pöck nur in den Proben und wurde in den Aufführungen durch die Sänger Wackermann und Scherf ersetzt (ebd., Sp. 737).

[3] Vermutlich Carl (*1829), der spätere Primarius des jüngeren Müller-Quartetts. Möglich wäre freilich auch Bernhard (*1825), der spätere Bratschist dieses Ensembles; der Geiger Hugo (*1832) war 1844 wohl noch zu jung.

[4] Willkommen an Spohr (vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 28.09.1844; Louis Spohr, Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel 1861, S. 288). 

[5] Laut Tagebuch von Marianne Spohr „ein 2ter Festgesang an Spohr” (Tagebucheintrag 28.09.1844), der in der Selbstbiographie zum Titel „Festgesang an Spohr” wird (S. 288). 

[6] St. Ägidien.

[7] Vgl. „Kleine Zeitung”, in: Neue Zeitschrift für Musik 21 (1844), S. 40; „Die Pariser Musik im Sommer – Das Riesenconcert – Berlioz”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 46 (1844), Sp. 585-588, hier Sp. 586; Marianne Spohr, Tagebuch 14.07.1844.

[8] Vgl. O[tto] K[raushaar], „Cassel, im Oktober 1844”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 46 (1844), Sp. 799-804, hier Sp. 802ff.; „Kassel, Januar. Kunstausstellung – Verbrechen – Theater – Eisenbahn”, in: Morgenblatt für gebildete Leser 39 (1845), S. 163f., hier S. 163

[9] Vgl. Vorbrief Hesses.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.10.2015).