Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18440202>

Sr. Wohlgeboren
dem
Herrn Dr. Louis Spohr
Kurfürstlicher Hofkapellmeister,
Ritter etc.
in
Cassel

franco

Hierbei ein Paket in
Wachsleinwand, enthaltend
gedruckte Musikalien
gezeichnet HLS Cassel


Breslau d. 2t Febr. 44

Hochgeehrtester Freund und Gönner!

Erst gestern am 1 Febr. ist meine 6t Sinfonie im Künstlerverein unter meiner Leitung gegeben worden; sie ging sehr gut, und man hat mir, wenn ich so unbescheiden sein darf dies zu erwähnen, allgemein zu dieser Sinfonie als zu meinem besten und originellsten Werke gratulirt.1 Um nun keine Zeit zu verlieren, sende ich Ihnen dieselbe sofort, und bitte ganz ergebenst um baldigen Remittirung derselben bald nach ihrer Aufführung, da dieselbe hier noch im Theater gegeben werden soll. Seit 12 Tagen ist das liebe Bottchen mit seinem Vater bei uns. Man reißt sich hier förmlich um ihn, da er bei seiner hohen Künstlerschaft durch sein bescheidenes Wesen für sich einnimmt. Am 27t Januar gab er sein erstes Konzert, nachdem er vor den Kennern privatim gespielt hatte, und erregte durch Vortrag Ihres a-Konzertino und mehrerer anderer Sachen einen wahren Beifallssturm.2 Ich bin bei seinem Spiel immer sehr bewegt, weil ich dabei immer sehr lebhaft an Ihre Vortagsweise erinnert werde. Morgen ist sein zweites Konzert wo er Ihre Gesangsszene spielen wird. Im Deutschen Abonnementskonzert dirigirte er mit vielem Pathos seine Ouverture in c moll, die recht effektvoll ist und gefiel; am vergangenen Sonntage gab ich ihm ein Orgelkonzert, wo [ich] nebst mehren Fantasien, Fugen, Trios, auch das Ihnen gewidmete God save the King spielte. Bott wunderte sich über die imposante Kraft, Reinheit und Zartheit der Stimmen der großen [Orgel] an St. Bernhard. Heute Abend sind wir zu Graf York gebeten, wo Bott Quartett und andere Sachen spielen wird.
NB. Bei meiner Sinfonie bitte ich Sie das Blech nur bei den Stellen wo 1t und 2t Geige unisono gehen, und an den Schlußstellen der Sätze mit voller Kraft blasen zu lassen, da ich bei der Probe fand, daß gerade bei diesem Werke das Blech. manchmal die Geigen deckte. Im Theater ist dies wohl nicht zu fürchten, da das Blech dort an der Seite und nicht höher als die Violinen steht. Schreiben Sie mir doch gütigst nach Empfang dieser Zeilen bald gütigst, und zwar auch Ihr Urtheil über Bott, so etwas hat so viel Gewicht und ich kann ihm gewiß damit nützen.


d. 3 Febr.

Gestern war die Fète bei Graf York der ein großer Musikfreund und unermeßlich reich ist, sehr brillant, Bott spielte ein Quartett in g von Haydn3, eins in f v. Beethoven4 und in der Mitte Ihren schönen Potpourri aus Jessonda. Alle Stücke mit Klavier akkompagnire ich ihm und [zu] danke. Die beiliegenden Zeitungen bittet Herr Bott, der sich nebst Sohn Ihnen hochachtungsvoll empfiehlt, wenn Sie dieselben gelesen haben, an seinen Schwager Sekretair Koch gütigst senden zu wollen, damit etwas in die Kasseler Zeitung komme.

Einem baldigen Schreiben entgegensehend
Hochachtungsvoll
Ihr
ergebenster Verehrer
A. Hesse.

Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin und allen Bekannten aufs Beste.
Vor 1 Uhr kommen wir jetzt keine Nacht zu Bette, alle Abende sind besetzt.



Dieser Brief folgt auf Hesse an Spohr, 05.12.1843. Spohr beantwortete diesen Brief am 15.03.1844.

[1] Vgl. „Aus Breslau. (Januar.)”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 46 (1844), Sp. 191f., hier Sp. 191.

[2] Vgl. „Breslau”, in: Frankfurter Konversationsblatt (1844), S. 140.

[3] Ohne nähere Angaben bei der großen Zahl Haydn’scher Quartette nicht zu ermitteln.

[4] In Frage kommen: op. 18.1, op. 59.1, op. 95 und op. 135; da Spohr mit dem Beethoven’schen Spätwerk nicht viel anfangen konnte, ist op. 135 unwahrscheinlicher als die drei anderen Quartette.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders vermerkt: Karl Traugott Goldbach (13.10.2015).