Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18430519>

Breslau d 19t Mai 1843

Hochgeehrtester Freund und Gönner!

Sie waren neulich so gütig mir meine Sinfonie zu remittiren, leider beruht die Sache auf einem kleinen Irrthum. Seidelmann erzählte mir nämlich, daß er Stimmen Ihres Oratoriums von Ihnen erhalten würde; dieses für eine gute Gelegenheit haltend, ersuchte ich ihn, Sie zu bitten, im Falle meine Sinfonie bereits durch Ihre Güte aufgeführt wäre, dieselbe beizulegen. Das Unglück ist indeß zu übersehen, ich werde, wenn Sie es gütigst erlauben, Ihnen das Werk im nächsten Winter wieder zusenden. Ihr Fall Babylons, den Seidelmann am Bußtage (10 Mai) zu seinem Benefiz aufführte, hat uns einen hohen Genuß gewährt. Alles was sich hier für gediegene Musik interessiert, war zugegen; spaßhaft war dabei, daß auch die Gallerie in der Meinung der Fall Babylons werde auf der Bühne dargestellt, voll war, da Seidelmann die Zettel mit den handelnden Personen gleich den gewöhnlichen Theaterzetteln hatte drucken lassen. Ihr Werk wurde übrigens von der wunderherrlichen Ouvertüre an, (die ich jetzt mit meinen Schülern sehr viel à 4 mains spiele) bis zur letzten Nummer ganz vorzüglich ausgeführt. Eine solche Nikotris, wie unsere Spatzer mit ihrem ganz wunderbarem Organe, wie mir an Fülle, Reinheit und Wohllaut noch kein zweites vorkam, dürfte nicht oft gefunden werden. Die zwei Jüdinnen: Dem. Hedwig Schütze und Madame Seidelmann waren ebenfalls sehr brav, ebenso Cyrus (Herr Hirsch) Daniel (Herr Ditt) und Belsazar (Herr Prawit). Das Ganze war auch für’s Auge recht geschmackvoll arrangirt, indem die Chorsänger auf der Bühne terassenartig saßen, das Orchesters war nicht auf der Bühne. Letzteres hat sich als sehr brav bewährt, es nuancirte schön, und spielte durchweg rein, was in diesem Oratorium nicht gerade zu den Kleinigkeiten gehört, selbst die Stelle mit der schreibenden Hand ging ohne Makel vorüber. Das Werk sprach sehr an und schon nach dem ersten Theil hörte ich im schönen Promenaden-Saale die günstigsten Urtheile. Da es übrigens in unserem Theater sehr schön klingt, waren auch die Kraftstellen von genügender Wirkung, ich meine hinsichtlich der Besetzung. Der Theater-Chor war übrigens noch durch Kirchensänger verstärkt worden. Gegenwärtig werden die Dekorationen für Jessonda, die bald daran kommt, gemalt, auch an Faust hat man bereits in dieser Hinsicht gedacht, und zwar werden in ersterer Oper die Lützer und Tichatscheck als Gäste mitwirken. In unseren Künstlervereins und andern Abonnementskonzerten hören wir von Neujahr bis Ostern die 1ste, 3te, 4te u. 5te Sinfonie, nebst mehreren Violinkonzerten. Lißt war 3 Wochen bei uns, es ging ihm hier wie überall, wo er sich länger aufhielt, er gab 10 Konzerte, entzückte, spielte schön, dann minder gut, mitunter auch ziemlich schlecht, lebte mit seiner Umgebung von 6 Personen und anderen hiesigen Gesellschaften ziemlich toll und sehr Don Juanartig, war dabei aber ungemein liebenswürdig.1 Ich bin viel mit ihm umgegangen; er hörte hier auch meine letzte Sinfonie, auch gab ich ihm 2 Orgelkonzerte. Er erinnerte sich Ihrer mit vieler Freude, besonders sprach er viel von Ihrer mit ihm gehabten Nachsicht. Auch ich habe wieder öffentlich Klavier mit Orchesterbegleitung gespielt, zwar mit Angst, indeß doch ohne dadurch der Sache zu schaden. Nun mein geehrter Gönner erfreuen Sie mich recht bald mit einigen Zeilen, und empfehlen Sie mich Ihrer werthen Frau Gemahlin und deren Familie, Hr. Prof. Wolf nebst Familie, Fr. v. Malsburg etc. etc auf das Angelegentlichste, ich bin oft in Gedanken bei Ihnen und erinnere mich der schönen Genüsse. (NB. neulich las ich Sie sollten Direktor des Prager Konservatoriums werden, hätten es aber abgelehnt?)2

Ich bin wie immer
Ihr dankbarer Verehrer
A. Hesse.

Einige meiner schönen Schülerinnen, Ihre großen Verehrer, die Ihre Werke durch unsere Konzerte, wie auch à 4 mains genau kennen, haben mir aufgetragen, Sie zu grüßen, besonders ein Fräulein Bertha Friedländer, die sehr brav spielt, und Ihre Werke schwärmerisch liebt.



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 17.04.1843. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 29.07.1843.

[1] Vgl. „Aus Breslau. Anfang April”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 45 (1843), Sp. 299; vgl. auch die Anekdoten in: Signale für die musikalische Welt 1 (1843), S. 95f. 

[2] Vgl. „Feuilleton”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 45 (1843), Sp. 371f., hier Sp. 372; „Feuilleton”, in: Neue Zeitschrift für Musik 18 (1843), S. 158.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders vermerkt: Karl Traugott Goldbach (06.05.2015).