Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck: „Musikalische Briefe von Moritz Hauptmann. III. an Spohr“, in: Grenzboten 29.2 (1870), S. 177-190, hier S. 187f. (teilweise)

Leipzig, den 1. April 1843.

Lieber Herr Capellmeister!

… Nun muß ich über die beifolgende Rolle referiren und würde wie Polonius anfangen, in der Verlegenheit schlechten Spaß zu machen, sagen: es ist wahr, daß es schade ist, und es ist schade, daß es wahr ist und dergl.; aber die Sache ist ernstlich zu spaßhaft, daß eine Sonate von Spohr, die in Leipzig gedruckt sein wollte, ungedruckt wieder abreist.1 Es ist eine solche Scheu vor der Gattung unter den Verlegern, daß sie vor der Sonate fast erschrecken, so gern sie den Namen des Autors haben möchten. In diesem Falle wäre freilich ein directes Wort des letzteren von guter Wirkung, von besserer gewesen, als die Vermittelung eines Dritten. Schwerlich würde ein Verleger, als einer, dem Sie sie nicht geben wollten, die Sonate genommen haben. Mendelssohn hat sie prima vista, ganz prächtig gespielt, fand jedoch vieles recht schwer darin — nicht schwer herauszubringen, aber schwer mit Leichtigkeit zu spielen, daß es frei klingt. Die Sonate hat uns aber sehr viel Vergnügen gemacht, besonders gefiel uns der erste Satz und das Scherzo. Im letzten Satz scheint mir der breitere Rhythmus in Tact gegen den Tact sich zu sehr abzusetzen, nicht recht musikalisch zur Einheit mit diesem einzugehen. Man muß so etwas mehreremal hören, dann befreundet man sich damit. Im Allgemeinen genommen, scheint mir das Rhythmische in der Musik das aller Ernsthafteste und Strengste, was sich am wenigsten willig der Laune des Componisten hingibt und gar nicht mit sich spaßen lassen will. Ich meine das Rhythmische im gewöhnlichen Sinne des Worts, man sollte sagen das Metrische, denn dieses ist doch das zeitliche Gerüst, für sich bestehend, das von den rhythmischen Figuren überdeckt ist, dessen Fugen von diesen verbunden werden, sodaß ein rhythmischer Schluß allezeit auf einen metrischen Anfang fällt, wodurch er eben Schluß ist, daß er metrisch getrenntes zusammenschließt. Im vorletzten Concert hörten wir auch Ihre neue Ouvertüre, die ganz vortrefflich ging und ein recht tüchtiges Meisterstück ist.2 Mendelssohn sagt mir, daß Sie noch in Zweifel seien, ihr einen Namen zu geben, ich würde es bei dem jetzigen lassen, vielleicht noch gar den „ernsten Styl" (vor der Correctur stand auf einem Zettel im „ersten“ Styl) weglassen, da Sie so Vieles in diesem edlen ernsten Styl geschrieben, wo es nicht beisteht.


M.H.

Erwähnte Personen: Mendelssohn Bartholdy, Felix
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Ouvertüren, op. 126
Spohr, Louis : Sonaten, Kl, op. 125
Erwähnte Orte: Leipzig
Erwähnte Institutionen: Gewandhaus <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1843040133

http://bit.ly/2iyEaCd

Spohr



Der letzte belegte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hauptmann, 22.03.1843, auf den dieser Brief möglicherweise direkt antwortet. Der nächste belegte Brief dieser Korrespondenz, Spohr an Hauptmann, 04.04.1843, könnte der Antwortbrief auf diesen Brief sein.

[1] Spohr hatte in seinem Brief vom 13.03.1843 Hautpmann gebeten, in seinem Namen mit den Leipziger Verlegern über die Inverlagnahme seiner Klaviersonate op. 125 zu verhandeln.

[2] Vgl. „Neunzehntes Abonnementconcert”, in: Neue Zeitschrift für Musik 18 (1843), S. 142.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.12.2016).