Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18420616>

Sr. Wohlgeb
Herrn Oberorganist
Adolph Hesse
Breslau

franco


Cassel den 16ten Juni
1842.

Lieber Freund,

Ich hatte Ihnen versprochen, sobald sich etwas über die englische Reise entschieden haben würde, Nachricht zu geben und Sie haben deshalb gewiß längst einen Brief von mir erwartet. Nun bin ich im Begriff nach Carlsbad abzureisen und darf daher mein Schreiben nicht länger vorschieben, obgleich über obige Angelegenheit noch immer nichts definitiv entschieden ist. Leider ist es aber am wahrscheinlichsten, daß ich den Urlaub nicht erhalte, denn ein erstes Gesuch, welches im Namen der englischen Regierung von Minister Aberdeen an den Prinzen gelangte, hat er ohne Weiteres abgeschlagen und obgleich nun, auf Ersuchen des Norwicher Comitées, der Herzog von Cambridge versprochen hat, eigenhändig an den Prinzen zu schreiben, so fürchte ich doch, es wird dieß auch nichts helfen.
In Carlsbad, wo ich Sie zu treffen hoffe, will ich Ihnen die traurige Geschichte weitläufiger erzählen. Bis zum Schluß unseres dortigen Zusammenseyns muß dann auch eine letzte Entscheidung erfogt seyn und sollte diese wieder Erwarten noch günstig ausfallen, so können wir unsere Reisepläne dann gleich mit einander verabreden.
Sie werden in unserer Gesellschaft in Carlsbad auch eine alte Bekannte finden, nämlich Frl. Pauline Pfeiffer, die uns begleitet. Auch die Geige, die neuen Trios1 und andere Musik wird mitgenommen um uns die lange Weile vom Halse zu halten. Mögte uns nur ein günstiges Geschick unter den dortigen Badegästen einen guten Violoncellisten zuführen, damit wir auch die Trio‘s zu Gehör bringen können. Unsere Abreise ist auf übermorgen bestimmt, da wir über 2 Tage bey einem guten Freund in Rudolstadt2 verweilen, so können wir erst den 23ten oder 24ten Juni in Carlsbad [sey]n. Eine Wohnung werden wir dort erst suchen, ich kann Ihnen daher keine Adresse geben. Auf der Post werden Sie mich aber schon erfragen können.

Auf baldiges Wiedersehen!
[Vo]n Herzen

der Ihrige
Louis Spohr



Dieser Brief schließt an Spohr an Hesse, 29.03.1842. Hesse beantwortete diesen Brief am 22.06.1842.

[1] Neben dem bereits im vorigen Brief erwähnten Klaviertrio op. 123 hatte Spohr mittlerweile auch op. 124 komponiert.

[2] Karl Ludwig Anton von Holleben-Normann (vgl. Louis Spohr’s Selbst-Biographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 265).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (05.05.2015).