Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr Wohlgeboren
Herrn Hofkapellmeister Dr. Louis Spohr
in
Cassel.

Inliegend 4 Th.


Wohlgeborner
Hochzuverehrender Herr Kapellmeister!

Unsäglichen Kummer und Herzeleid hat es mir gemacht, daß Ew. Wohlgeboren mit meinem Sohn so vielen Aerger und Plage hatten. Ew. Wohlgeboren geehrtes Schreiben mit der Klage, welche die Beweise seiner Unordnung, Liederlichkeit und seines wenigen Ehrgefühls enthält, hat mich so betrübt und gekränkt, daß ich es nicht auszudrücken im Stande bin. Ich hatte, als ich meinen Sohn nach Cassel brachte, die Hoffnung gehegt, daß er sich Mühe geben würde, als ein ordentlicher, fleißiger und rechtlicher Mensch zu leben und zu handeln und Ew. Wohlgeboren auf keine Weise einen Aerger oder Klage zu verursachen und sehe nun erst recht deutlich ein, daß er meine Hoffnung ganz vernichtet hat und daß Ew. Wohlgeboren Gott danken werden, diesen Jungen wieder los geworden zu sein. Ich habe ihn tüchtig abgestraft und werde mir alle Mühe geben, ihn in der Zeit, wo er bei mir ist, noch etwas zur Ordnung zu bringen. Was die Hornthalische Rechnung für Musikalien und Saiten betrifft, so schicke ich anbei die zur Zahlung derselben noch fehlenden 3 Th, Ew. Wohlgeboren bitte ich, die Gewogenheit zu haben, solche zu berichtigen, obgleich es mir sonderbar vorkommt, daß Hornthal meinen Sohn geradewegs so viel borgt, ohne von Ew. Wohlgeboren dazu berichtigt zu sein; nach meines Sohnes Aussage, hat er den jungen Deichert den Auftrag gegeben, die Czernischen Sachen, welche mit 20 gr. angesetzt sind, an Hornthal zurückzugeben, welche, wenn es so ist an der Rechnung der 8 Th 8 gr. abgingen, diese Rechnung habe ich wieder mit beigelegt, damit Ew. Wohlgeboren den Inhalt derselben, wenn Ihnen solcher nicht mehr erinnerlich sein sollte, nachsehen können. Da ich meinem Sohn ausdrücklich gesagt hatte, daß er sich Ew. Wohlgeboren Compositionen gedruckt kaufen sollte, so ärgert es mich um so mehr, daß er so albern war, abschreiben zu lassen. Von diesen abgeschriebenen Concerten hat mein Sohn, wie er sagt, die Solostimmen, welche er nicht mit hierher brachte, in Cassel an einen Buchbinder gegeben, um solche binden zu lassen, so wie auch die Bachschen Sonaten; wenn dieser Buchbinder die Sachen an H. Amente giebt und dieser die Rechnung darüber zu Ew. Wohlgeboren bringen sollte, so bitte ich ganz ergebenst, daß Sie die Gewogenheit haben, solche von den noch beiliegenden Thaler zu berichtigen. H Amente ist von meinen Sohn ersucht worden, so wohl diese Sachen so wie 3 Davidsche Piecen und ein Concert und Variationen von Beriot, welche mein Sohn, wie er sagt, an H. Heisterhagen verborgt hat und diese um die Zurückgabe an H. Amente ersuchte, hierher an mich zu schicken. Ew. Wohlgeboren die große Güte und Wohlgewogenheit zu vergelten, welche Sie mir erzeigt haben, ist mir nicht möglich, wenn ich einmal im Stande wäre nur eingermassen meine Schuld abzutragen, würde ich mich sehr glücklich fühlen. Noch einmal muß ich mir aber, so ungern is es thue, die Freiheit nehmen Ew. Wohlgeboren zu belästigen und zu bitten, daß Sie gütigst bei H. Controleur Grimmel auf den Gouvernementsplatz nachfragen lassen möchten, ob er meinen Sohn 2 Th geliehen habe und wenn dieses der Fall ist, ihn beiligenden Brief, welcher 2 Th enthält, gefälligst zustellen zu lassen. Mein Sohn hatte im Empfehlungsschreiben von H. von Buttlar hier, an diesen Mann mit nach Cassel gebracht, wodurch er dazu vermocht wurde, auch dort zu leihen; auf welche Art er das Geld wieder durchgeschlagen hat, weiß ich nicht. Noch habe ich mir die Freiheit genommen, das gütigst ausgestellte Attestat von Ew. Wohlgeboren für meinen Sohn, anbei wieder mitzurückzuschicken und recht sehr zu bitten, daß ew. Wohlgeboren die Gewogenheit haben möchten, es noch mit Ihren werthesten Siegel zu versehen und mir gütigst wieder zuzuschicken; mein Sohn wird nemlich in kurzer Zeit militairpflichtig, da aber in einen Gesetz ausdrücklich bestimmt ist, daß diejenigen, welche sich in einer Kunst, Musik oder dergl. ausgebildet haben und darüber ordentliche Zeugnisse aufweisen können, von Militairdienst1 befreit sind, die H. beim Militair aber alles sehr genau nehmen und daher auch schon mehrere male Attestate, auf welchen kein Siegel beigedruckt war, zurückwiesen, so muß ich, so ungern ich es thue, Ew. Wohlgeboren auch noch damit belästigen. Von Herrn Kapellmeister Grund in Meiningen habe ich diese Woche Nachricht erhalten, daß vor der Hand kein Violinspieler dort angestellt werden soll, mit dieser Hoffnung war es also nichts und meine Verlegenheit, was ich mit meinem Sohn anfangen soll, ist groß. Wenn Ew. Wohlgeboren die Gewogenheit haben wollten, ihn bei Gelegenheit durch Ihre gütige Fürsprache, zu irgend einer Stelle behülflich zu sein, so würde ich diese große Güte mit der größten Dankbarkeit erkennen, ich bin überzeugt, daß Ew. Wohlgeboren es um des bekümmerten Vaters wegen thun werden, wenn es auch der Sohn nicht bei Ihnen verdient hat, hoffentlich werde ich ihm seinen Leichtsinn noch etwas abgewöhnen. Nochmals Ew. Wohlgeboren meinen innigsten herzlichsten Dank versichernd, der nie in meinen Herzen ersterben wird, und um Ihre fernere Wohlgewogenheit bittent, bin ich mit der aller vorzüglichsten Hochachtung

Ew. Wohlgeboren
ganz ergebenster Diener
Carl. Mahr.

Hildburghausen d. 4 Aprill 1842.

in Eile.

Ew. Wohlgeboren bitte ich noch ganz ergebenst beiligenden Brief an H. Amende gütigst abgeben zu lassen.

Autor(en): Mahr, Johann Christian Carl
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Amende, Georg
Buttlar, Carl von
Deichert, Wilhelm
Grimmel, Peter
Grund, Eduard
Hornthal, Adolph
Mahr, Johann Carl Sebastian
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Meiningen>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1842040440

http://bit.ly/3wuRwq7

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Mahr. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Mahr an Spohr, 10.11.1842, aus dem sich noch ein derzeit verschollener Brief von Spohr an Mahr erschließen lässt.

[1] Nach „l“ ein zweites „l“ gestrichen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.05.2022).