Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Wohlgeborner
Hochzuverehrender Herr Kapellmeister!

Eben als ich im Begriff war, einen Brief an Ew. Wohlgeb. abzuschicken, erhielt ich Ihr werthes Schreiben mit den für mich so schrecklichen Inhalt. Ew. Wohlgeboren sind selbst Vater, Sie werden sich daher leicht in die Lage eines Vaters denken können, der seine schönsten Hoffnungen auf das gute Betragen und das Glück seines Kindes, so schrecklich vereitelt sieht. Daß mein Sohn nur eine Minute bei Ew. Wohlgeboren versäumen würde, hätte ich nicht für möglich gehalten, noch viel weniger, daß er das Theater versäumt, was er leidenschaftlich liebt, das schrecklichstee ist mir aber, daß er wieder an zu Lügen fängt, was er früher nie, aber während seines Aufenthaltes in Leipzig einigemale gethan hat, worüber ich ihn so dringente1 Ermahnungen gegeben und ihm die unseeligen Folgen des Lügensagens so klar vor die Augen gestellt habe, daß ich hoffte, er würde sich so viel er könnte dafür hüten, wie es scheint haben meine Ermahnungen nicht gefruchtet. Sehr fürchte ich aber auch, daß mein Sohn bei H. Amente nicht gut aufgehoben ist, woüber ich aber an Ew. Wohlgeboren zu schreiben Willens war. Vor einigen Tagen habe ich nemlich durch die Buchhandlung zwei Briefe und zwar die ersten von Amente und meinen Sohn, wovon der erstere vom 4 October, der zweite aber von 25 Septemb datirt ist, erhalten, der beinahe gleich lautende Inhalt dieser Briefe, veranlaßte mich schon an H. Amentes Aufrichtigkeit zu zweifeln, er schreibt mir nemlich, daß sich mein Sohn bis daher sehr gut und ordentlich betragen habe, immer pünktlich vom Theater nach Hause komme, nicht unnöthig herumlaufe auch seine Stunden pünktlich besuche, auch wären sowohl Ew. Wohlgeboren, als Herr Hauptmann sehr wohl mit ihm zufrieden, Herr Hauptmann habe ihn selbst versichert, daß er mit meinen Sohn zufrieden sei, beinahe dasselbe schreibt mir auch mein Sohn, da ich nun erst kurz zuvor Nachricht von Herrn Hauptmann erhalten hatte, daß er keineswegs mit dem Fleiß und der Aufmerksamkeit meines Sohnes zufrieden sei, so konnte ich H. Amente keinen Glauben beimessen und sehe nun durch die Nachrichten Ew. Wohlgeboren meinen Zweifel in Gewißheit verwandelt. H. Amente ist es, wie es scheint, ganz einerlei, ob mein Sohn fleissig und ordentlich, oder faul und liederlich ist, wenn ich es nur nicht erfahre. Ew. Wohlgeboren kennen H. Amente und seine Familie vielleicht genauer, oder sind doch im Stande nähere Erkundigung darüber einzuziehen, wenn meine Furcht gegründet ist, so bitte ich Ew. Wohlgeboren ganz gehorsamst, daß Sie mir, den bekümmerten Vater, die grosse Gefälligkeit erzeigen, meinen Sohn, wenn es Ew. Wohlgeboren möglich ist, in einem andern Hause unterzubringen, wo er unter strengerer Aufsicht wäre, ich wollte keine Kosten scheuen, wenn ich ihn nur wo möglich in Ew. Wohlgeboren Nähe gut untergebracht wüßte.
Wie mir mein Sohn schreibt, so hat er kürzlich in einem Concert der dortigen Liedertafel etwas öffentlich gespielt, wenn dies wirklich so ist, so hoffe ich daß er Ew. Wohlgeboren vorher davon benachrichtig hat und es mit Ihrer Bewilligung geschehen ist, sollte dies nicht der Fall sein, so haben Sie die Güte, ihn recht tüchtig dafür abzustrafen und strenge zu befehlen, daß er sich ferner nicht unterstehen soll, ohne Ihre Einwilligung etwas2 zu unternehmen. Auch bitte ich Ew. Wohlgeboren noch ganz ergebenst, daß Sie dem liederlichen Jungen ernstlich anbefehlen, daß er Ihnen wöchentlich einige seiner Generalbaß Arbeiten vorlege, so wie auch etwas komponiren muß. Anbei erhalten Ew. Wohlgeboren 13 Th 3 gr. als den Mehrbetrag der mir überschickten Rechnung über die früher an Ew. Wohlgeboren gesendeten 50 Th und 37 Th zu Ihrer weitere gütigen Disposition. Auf der erwähnten Berechnung stehen 2 Th 3 gr. für Notenpappier, wenn mein Sohn dies unter die Hände bekommen hat, so ist es gewiß zu etwas andern von ihm angewendet worden, da er ein ganz dickes Buch zum Notenschreiben von hier mitnahm, so wie auch vieles Briefpappier. Daß Ew. Wohlgeboren so viele Plage und Aerger mit den bösen, leichtsinnigen Buschen haben, thut mir sehr wehe, es würde3 mich herzlich freuen, wenn ich aus Ew. Wohlgeboren nächsten gütigen Schreiben ersehen könnte, daß mein Sohn sein Versprechen gehalten hätte und seine Fehler, durch desto grösseren Fleuß zu verbessern suchte. Gott gebe daß mir recht bald diese Beruhigung zu Theil wird. Ich weiß nicht, was ich mit dem Burschen anfganen soll, er hat mir schon in Leipzig dergleichen Unannehmlichkeiten gemacht und fängt jetzt wieder an, wenn er sich nicht bald bessert, so bin ich Willens ihm noch ein anderes Geschäft ergreifen zu lassen, wo er für seinen jetzigen Müssiggang tüchtig arbeiten muß Ew. Wohlgeboren bitte ich noch ganz gehorsamst, daß Sie mir die Gefälligkeit erzeigen, ihm recht strenge dazu anzuhalten, daß er in den Musikproben und Aufführungen, denen er beiwohnen muß, keine Minute zu spät kommt, noch viel weniger eine versäumen darf, damit er Dienstordnung lernt. Wenn ich wüßte, daß mein Sohn dazu passen und nur einigermaßen zur Ordnung zu bringen wäre, so könnte ich ihn vielleicht in Meiningen anbringen, da einige Violinspieler dort fehlen und ich schon mit Herrn Kapellmeister Grund darüber gesprochen habe. Ew. Wohlgeboren haben so viele Erfahrungen gemacht, daß ich so frei bin, Sie in dieser für mich so wichtigen Sache um Ihren gütigen Rath zu bitten, da ich mir nicht selbst zu rathen und zu helfen weiß. Sollte aber mein Sohn von diesen Augenblick an nicht ein ordentlicher und fleissiger Mensch werden, so bin ich wie gesagt entschlossen, ihn entweder noch eine Profession lernen zu lassen, oder ihm nach Amerika zu schicken. Ew. Wohlgeboren nochmals meinen herzlichsten, innigsten Dank, für Ihre väterliche Sorgfalt sagend, bin ich mit der vookommensten Hochachtung

Ew. Wohlgeboren
ganz gehorsamster Diener
C. Mahr.

Hildburghausen
den 8 Novemb. 1841.

Ew. Wohlgeboren bitte ich noch ganz ergebenst Ihre geehrten Briefe unfrankirt auf die Post zu geben, und beiligende Briefe an H. Hauptmann und H. Amende durch eine andere Person als meinen Sohn gütigst abgeben zu lassen, so wie ich Sie auch noch bitten muß, das Päckchechen4 welches eine Mütze und Handschuhe enthält, mit den Brief an meinen Sohn zu geben.

Autor(en): Mahr, Johann Christian Carl
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Amende, Georg
Grund, Eduard
Hauptmann, Moritz
Mahr, Johann Carl Sebastian
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Kassel
Leipzig
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Meiningen>
Liedertafel <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1841110840

http://bit.ly/3KOaMnt

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Mahr. Spohrs Antwortbrief vom 04.01.1842 ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] Sic!

[2] „etwas“ über der Zeile eingefügt.

[3] Hier gestrichen: „würde“.

[4] Sic!

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (05.05.2022).