Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,210

Verehrter Herr Kapellmeister!
Werthester Gönner und Freund!

So eben mit meiner Oper fertig, beeile ich mich des kommenden Winters wegen, dieselbe den verschiedenen Directionen anzubieten und schicke dazu beifolgend gleich zuerst Ihnen ein Textbuch zur gefälligen Einsicht zu.1
Da ich die nähern Verhältnisse Ihres Theaters nicht kenne, so lege ich auch eins an Ihre Intendanz bei, welche ich, wenn es nöthig seyn sollte, zu übergeben bitte.
Was könnte meinem Werke Glücklicheres begegnen, als wenn es durch Sie in die Welt eingeführt würde? Eben dieses veranlaßt mich aber auch, Sie recht dringend um dessen baldige Aufführung zu bitten, weswegen ich natürlich bereit bin, Ihnen auf Verlangen sogleich die Partitur zu Einsicht zuzusenden.
Aus dem Textbuche werden Sie ersehen, wie weit der Dichter, unser gemeinschaftlicher Freund, in Ausführung des Stoffes von Raupachs Trauerspiele gleichen Namens2 abeweicht und wie dasselbe, obschon die nemliche dramatische Idee erfassend, demnach der Geschichte völlig und in so weit treu bleibt, daß sich die wirksamsten Effekte daran erwarten(?) lassen.
Meine Composition betreffend, so meinen verständige Freunde, welche dieselbe eingesehen, sie gelungen und wirklich glaube ich auch, jene Regularität und gefällige Form in den Melodien darin fest gehalten zu haben, welche heute vorzugsweise den Opern-Compositionen allgemeinen Erfolg verspricht, wovon ich mich theilweise durch Aufführung einzelner Stücke, auch schon überzeugt habe.
Da übrigens bei einer guteingerichteten Bühne wie die Ihrige ist, die Aufführung gar keine besonderen Lasten verursacht, die Besetzung keine Schwierigkeiten bietet, die einzelnen Charakteren wirklich dankbar behandelt sind und ich im Betreff meines Honorars schon um des ersten Schrittes willen, den ich hiemit in die Welt der dramatischen Composition thue, jede billige Bedingung einzugehen bereit bin, so läßt sich die Sache mit Ihrer Hülfe vielleicht zum erwünschten Ziele bringen. In jedem Falle bitte ich Sie um baldige Zuschrift. –
Ihre Reise3 ist hoffentlich in jeder Beziehung gut ausgefallen und Sie sind wohl und vergnügt mit Ihrer lieben Frau in die Heimath zurückgekehrt. Ihr leider nur zu kurzer hiesiger Aufenthalt4 macht einen schönen Lichtpunkt in unser ziemlich monotones Leben und muß und wird daher stets in freudiger Erinnerung bleiben. Möchte uns auch bei Ihnen der nemliche Fall eintreten und Sie sich des kleinen Heringens freundlich erinnern!
Für nächsten Sommer gedenke ich, Ihr Oratorium „die letzten Dinge” einzustudiren und werde mich deshalb im Frühjahr um die versprochenen Orchesterstimmen melden. –
Der Fürst läßt Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin viel Schönes sagen; auch meine Frau läßt Ihnen Beiden sich bestens empfehlen und ich verbleibe in der Hoffnung baldiger Zuschrift mit aller Hochachtung und Ergebenheit

Ihr Sie verehrender
Th. Taeglichsbeck

Hechingen 18/9 41.

Erwähnte Personen: Friedrich Wilhelm Constantin Hohenzollern-Hechingen, Fürst
Schilling, Gustav
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Täglichsbeck, Thomas : König Enzio
Erwähnte Orte: Hechingen
Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Hechingen>
Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1841091843

http://bit.ly/1VRG8xV

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Täglichsbeck an Spohr, 10.12.1840. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Täglichsbeck an Spohr, 21.12.1841.

[1] Vgl. Gustav Schilling, König Enzio. Große Oper in zwei Aufzügen, Musik von Thomas Täglichsbeck, Karlsruhe 1843.

[2] Ernst Raupach, „König Enzio”, in: Die Hohenstaufen, ein Cyclus historischer Dramen, Bd. 7, Hamburg 1837, S. 1-152.

[3] Vgl. Marianne Spohr, Tagebuch auf der Reise in die Schweiz im Sommer 1841, Ms., Spohr Museum Sign. Sp. ep. 2.1.10; Louis Spohr, Louis Spohr’s Selbst-Biographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 256-261.

[4] Vgl. „Hechingen, den 5. September 1841”, in: Der musikalische Postilion 1 (1841), S. 151; Spohr an Adolph Hesse, 06.08.1841; Marianne Spohr, Tagebucheintrag 06.07.1841; Spohr, Selbstbiographie, Bd. 2, S. 258.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.05.2016).