Autograf: Bodleian Library Oxford (GB-Ob), Sign. GB 12: 196
Druck: John Michael Cooper und R. Larry Todd, „'With True Esteem and Friendship'. The Correspondence of Felix Mendelssohn Bartholdy and Louis Spohr“, in: Journal of Musicological Research 29 (2010), S. 171-259, hier S. 241f.; englische Übersetzung S. 200f.

Sr. Wohlgeb.
dem Herrn Musikdirector
Dr. Mendelssohn Bartholdy
in
Leipzig.

Nebst einem
Paquet Musika-
lien in grauer
Pappe, gez:
H.M.M.1


Cassel den 25sten
Dec. 1840.

Geehrter Herr und Freund,

Beykommend erhalten Sie die Ihnen bereits von dem Secretair2 unseres Vereins angekündigten 32 Claviersonaten, die sich um den Preis beworben haben.3 Ich habe mich mit Hülfe meiner Frau durch alle 324 durchgearbeitet, immer hoffend, es werde endlich einmal e[twas] gutes kommen! Doch habe ich nichts gefunden, was mich vollständig befriedigt hätte. Um Ihnen, wo möglich eine gleiche Langeweile, wie ich sie beym Anhören der Sonaten empfunden habe, zu ersparen, setze ich lhnen die Mottos der 7 Sonaten, die mir die besten geschienen haben und unter denen ich eine als Preissonate gewählt habe; hieher:
1. Treu sich selbst.
2. Lobet den Herrn mit Harfen und mit Psalmen.
3.) Den Beyfall der Besten seiner Zeit zu erstreben ist dem ächten Künstler Pflicht.
4.) Kannst Du nicht allen gefallen durch Deine That und Dein Kunstwerk: mach es wenigen recht; Vielen gefallen ist schlimm.
5.) Tentare liceat.
6.) Aus Grafendorf in Steyermark.
7.) Geh hin und versuche Dein Glück! (vierhändig.)5
Ich will Sie aber dadurch ja nicht abhalten auch die andern Ihrer Prüfung zu unterwerfen!6 Zwei davon, die höchst neu romantisch, d.h. formlos, sinnlos und abentheuerlich sind, werden Sie vieleicht sogar recht amusiren! Im ersten Augenblick thaten sie es bey mir auch, der Ekel kam nur bald nach!
Der Fehler der Preisaufgabe ist, daß der Preis zu gering ist. Kein guter Komponist schreibt eine Claviersonate für 20 Ducaten. Von solchen werden daher auch Keine Arbeiten eingesandt. Man sollte den Preis verdreifachen und lieber nur alle 3 Jahre eine Preisaufgabe ausschreiben.
Meine herzlichsten Glückwünsche zum neuen Jahr!
Mit inniger Freundschaft stets

der Ihrige
Louis Spohr

Autor(en): Spohr, Louis
Adressat(en): Mendelssohn Bartholdy, Felix
Erwähnte Personen: Lachner, Ignaz
Lachner, Vinzenz
Schilling, Gustav
Spamer, Ludwig
Spohr, Marianne
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Deutscher Nationalverein für Musik und ihre Wisenschaft <Stuttgart>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840122541

http://bit.ly/2YIdpCC

Spohr



Dieser Brief folgt in dieser Korrespondenz auf Spohr an Mendelssohn, 21.11.1840. Mendelssohn beantwortete beide Briefe zusammen am 08.01.1841.

[1] Auf dem Adressfeld befinden sich noch mehrere Poststempel: „CASSEL / 25 / 12 / 1840“, „VERSPÄTETE / AUFGABE“, „HALLE / 29 12“, „St. Post / 30 DEC“ und „St. Post / 30 DEC / I. 8–10“.

[2] Gustav Schilling.

[3] Vgl. [Gustav Schilling], „Zweite Preisaufgabe des Vereins“, in: Jahrbücher des Deutschen Nationalvereins für Musik und ihre Wissenschaft 2 (1840), S. 161.

[4] [Gustav Schilling], „Officielle Bekanntmachung“, in: ebd., S. 297 bestätigt nur 31 Kompositionen.

[5] Den Wettbewerb gewann die Sonate mit dem Motto „Geh’ hin und versuche dein Glück“ von Ignaz Lachner. Von den von Spohr in die engere Auswahl genommenen Sonaten wurden mit „öffentlichem Lob“ bedacht noch die Sonaten mit den Motti „Den Beifall der Besten seiner Zeit zu erstreben“ von Vinzenz Lachner und „Treu sich selbst“ von Ludwig Spamer ([Gustav Schilling], „Referat über den Preisconcours von 1840“, in: ebd. 3 (1841), S. 73f., hier S. 74).

[6] Mendelssohn schrieb am 13.12.1840 an Schilling, er habe am Tag zuvor Spohrs Sendung erhalten. Weil er sich jedoch nicht zutraue, in kurzer Zeit eine so große Anzahl von Kompositionen zu beurteilen, habe er das Paket ungeöffnet an Carl Gottlieb Reißiger nach Dresden weitergeschickt (in: Felix Mendelssohn Bartholdy, Sämtliche Briefe, Bd. 7, hrsg. v. Lucian Schiewietz und Ingrid Jach unter Mitarb. v. Benedikt Leßmann und Wolfgang Seifert, Kassel u.a. 2013, S. 367).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.06.2020).