Autograf: Suomen Kansalliskirjasto [Finnische Nationalbibliothek] Helsinki (FIN-Hy), Sign. Coll.760.2
Druck: Otto Andersson, „Ur Pacius' brefsamling. Bref til Fredrik Pacius och hans far Louis Pacius från Louis Spohr och Moritz Hauptmann”, in: Finsk Musikrevy 1 (1905), S. 169-174 und 243-249, hier S. 246f.

Sr. Wohlgeb.
Herrn Fr. Pacius
in
Helsingfors
in Finland
über Petersburg


Cassel den 27sten October
1840.

Hochgeehrtester Herr,

Nachdem ich über die, in Ihrem geehrten Schreiben enthaltene Anfrage reiflich nachgedacht habe, glaube ich folgenden Rath, als den besten, geben zu können.
Da sich ohne Zweifel jezt die besten Orgelbauer in Deutschland befinden, so würde ich der dortigen Baubehörde allerdings rathen, um ganz sicher ein tüchtiges Werk zu bekommen, sich für die Verfertigung der neuen Orgel an einen deutschen Meister zu wenden. Da ich nun von meinem Freunde, dem Oberorganisten Adolph Hesse in Breslau weiß, daß es in Schlesien einige ganz ausgezeichnete Orgelbauer giebt, die neuerdings große Werke in Breslau und anderen schlesischen Städten erbauet haben, so rathe ich, sich an Herrn Hesse zu wenden und ihn zu bitten, den tüchtigsten und solidesten der dortigen Meister auszuwählen und mit ihm vereint die Disposition und den Kostenanschlag der Orgel zu entwerfen und die Aufsicht über der[en] Verfertigung zu übernehmen. Ich glaube nicht, daß es nöthig ist, daß der Meister die Kirche erst sieht; es wird genügen, wenn man ihm den Raum, der für die Orgel bestimmt ist, nach Höhe, Breite und Tiefe auf das genaueste bezeichnet und die Form des Raums durch Zeichnung noch näher erläutert. Dann wird er berechnen können, wie viele Register und Pfeifendas Werk haben kann und danach den Kostenanschlag machen. Die eigentliche Disposition, nämlich die Auswahl der Register, rathe ich aber von Herrn Hesse machen zu lassen, da dieser nicht blos der beste jezt lebende Organist ist, sondern auch eine umfassende technische Kenntniß seines Instruments besitzt und mithin am besten bestimmen kann, was für den vorhandenen Raum und die Größe der Kirche für ein Werk gebauet werden muß. Ist das Werk dann fertig, so wird es mit mäßigen Kosten auf der Oder bis Stettin und dann weiter zu Schiff an den Ort seiner Bestimmung zu transportiren seyn. Jedenfalls ist es aber unerläßlich, daß der Meister selbst mitkommt und es am Platze aufstellt. - Herrn Hesse würde ich, wenn man auf meinen Vorschlag eingeht, recht gern auch in d[ieser] Angelegenheit schreiben, doch [bin] ich im Voraus überzeugt, daß er [in] der angedeuteten Weise behülflich seyn wird.
Recht sehr habe ich mich gefreut, ein mal wieder etwas von Ihnen zu hören. Sollten Sie mir noch einmal schreiben, so geben Sie mir doch etwas Näheres über Ihre dortigen Verhältnisse.
Hochachtungsvoll und freundschaftlichst

der Ihrige
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Hesse, Adolph
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840102710

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Spohr



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Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.09.2017).