Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 2° Ms. mus. 1500[Sp. 75,39

Sr. Wohlgeb
Herrn Wilhelm Happ
Lehrer an der Musikschule
des Herrn Kinderfreund
in
Prag.

franco.
Öster. Gränze


Cassel d. 23sten
Mai 1840.

Lieber Herr Happ,

Nehmen Sie meinen besten Dank für Ihren lieben Brief, der mir recht große Freude gemacht hat, hauptsächlich, weil ich aus ihm ersehe, daß es Ihnen wohl geht und daß Sie mit Ihrer Lage zufrieden sind, dann auch weil er mir so interessante Nachrichten bringt. Daß die neue Musikschule schon eine öffentliche Prüfung halten konnte1, hat mich überrascht und daß sie so gut ausgefallen ist, gereicht den Lehrern zu großer Ehre. Daß dies die Anhänger des Conservatoriums in Unruhe setzten muß, ist natürlich und ein wenig Eifersucht der Lehrer wohl begreiflich. Lassen Sie sich das nicht irren und suchen Sie in möglichst gutem Vernehmen mit allen2 zu bleiben. Daß Kleinwächter3 Parthei für’s Conservatorium nehmen würde, ließ sich denken, da er seit Jahren mit Weber und Pixis sehr liirt ist. Er meint es aber auch gut mit Ihnen und gesteht ein, daß die neue Schule über Erwartung gedeihe. Kultiviren Sie daher die Bekanntschaft mit ihm fortwährend und besuchen Sie seine Musikparthien, worauf der Vater und der Sohn4 großen Werth legen. Ein wenig Eitelkeit des letztern auf sein Kompositionstalent kann man ihm schon zu gute halten, da er für einen Dilettanten wirklich recht ausgezeichnetes leistet.
Ich habe wegen überhäufter Theaterarbeiten im vergangenen Winter nicht viel neues schreiben können. Doch ist das neue Oratorium5, welches ich für das nächste Musikfest in Norwich schreibe, zur Hälfte fertig und auch bereits instrumentirt. Ich übereile mich nicht, um etwas, wo möglich, recht gediegenes zu liefern. Eine neue Unterbrechung dieser Arbeit entsteht nun, da ich in 8 Tagen nach Aachen reise um das diesjährige Rheinische Musikfest daselbst zu dirigiren. Es wird am 1sten Tage Judas Maccabeus von Händel, am 2ten Ouvertüre der Medea von Cherubini, mein Vater-Unser, die a dur Sinfonie von Beethoven und Davide Penitente von Mozart gegeben. So[lo]sänger, Chöre und Orchester werden sehr ausgewählt seyn und ich erwarte daher einen glänzenden Erfolg. Nach meiner Rückkehr beginnen dann bald die Ferien, wo ich eine 2te Reise nach Hamburg, Lübeck und zu meinen Eltern6 machen werde. – Am Charfreitage gaben wir Des Heilands letzte Stunden, diese Aufführung war, im Ganzen genommen, wohl die beste die ich bisher von diesem Werk erlebt habe. Die Solosänger kamen freilich denen in Norwich nicht gleich, auch waren dort die Chormassen imposanter.
Erfreuen Sie mich recht bald wieder mit einem Schreiben. Herrn Doctor Kleinwächter bitte ich herzlichst zu grüßen und ihm zu sagen, daß ich sein Quartett leider noch nicht hätte hören können, weil seit 2 Monathen unser Violoncellist Hasemann bedeutend krank ist. Er wird nach Carlsbad gehen und meine Quartettparthien werden erst nach seiner Rückkehr wieder beginnen können. - Übermorgen geben die Müller aus Braunschweig hier eine Quartett-Soirée, worauf wir uns alle sehr freuen. - Ich habe jezt wieder 4 neue Schüler angenommen, worunter 2 aus Köthen sehr viel versprechen.7
Leben Sie wohl. Von Herzen

der Ihrige
Louis Spohr



[1] Vgl. Z. 17., „Prag, Dezember”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 41 (1839), Sp. 1051-1055, hier Sp. 1055.

[2] „mit allen” über der Zeile eingefügt.

[3] Ignaz Kleinwächter.

[4] Louis Kleinwächter.

[5] Der Fall Babylons.

[6] In Ganderheim.

[7] Die beiden Schüler aus Köthen sind sicherlich Eduard Bode und Carl Wittich. Die beiden anderen Schüler lassen sich nur mit der publizierten Schülerliste derzeit nicht ermitteln (vgl. „Verzeichniss der Schüler von Louis Spohr”, in: Niederrheinische Musik-Zeitung 7 (1859), S. 150ff., hier S. 151).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (01.10.2016).