Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Taylor, E.:12

Regent Square
Feb. 11„ 1840

Mein hochgeehrter Freund

Sie sprechen den Wunsch aus, ich möchte bei der Probe1 Ihrer Symphonieen in der Philharmonischen Gesellschaft zugegen sein, und da jene glücklicher Weise bis zu meiner Rückkehr nach London verschoben ward, so war ich im Stand, ein solches Vergnügen zu genießen. Ich benutze jetzt meine erste Mußestunde, um Ihnen zu sagen, welchen Eindruck sie auf mich machte. Ihre Symphonie in „C minor” (C oder Cis-moll?) bewundre ich mehr als irgend eine andre Leistung dieser Art. Der letzte Satz ist ein Meisterstück. Die Stellen, worin Genie und Geschicklichkeit mit einander wetteifern, sind so zahlreich u. folgen so schnell auf einander – die Themata sind so hinein verwebt u. so damit verbunden, daß das Ohr beim ersten Hören desselben erstaunt u. fast in Verwirrung geräth (so wenigstens erging es mir), und ich muß es mehre Male hören, ehe ich es wahrhaft genießen kann.
Ihre historische Symphonie interessirte mich lebhaft, obgleich ich aufrichtig bekennen muß, daß die erstere mir einen höheren Genuß gewährte. In der Musik, wie in der Dichtung spricht jedes große und originelle Gemüth in einer Sprache zu mir, die nur ihm eigenthümlich ist. Wenn Milton die Schwaden der Hölle beschreibt oder (wie im Allegro) die Schönheiten der Natur vor uns enthüllt, so erscheint in beiden derselbe Geist, dieselbe eigenthümlich Gestalt des Ausdrucks – die Szene ist mit einem Worte, stets die Milton’s („Miltonic”.) Eben so spricht Purcell in seinem „Todtenamte” (service for the Dead), wie in den Gesängen Ariel’s2 in seiner eignen, nur ihm gehörenden Sprache. Nichts kann mehr constrastiren, als jene genannten Stücke, und denoch erkennen wir deutlich denselben Geist und gleiche Identität des Charakters in beiden. Mit geringer Begabten ist dies nicht der Fall. Da sie keine Gedanken aus sich selbst schöpfen, so entlehnen sie von Anderen, und entstellen sie nur zu oft, um sie für ihre eigenen gelten zu lassen. Deshalb begreife ich, welche Schwierigkeiten Sie nur finden müssen, einen andren Styl sich anzueignen, und ich wundre mich um so mehr über das außerordentliche Gelingen darin. Beim ersten Satze Ihrer Symphonie hatte ich Mühe mich zu überreden, daß ich nicht Händel’s Musik anhöre, und nur dann und wann erschien eine Färbung, so ganz nur Ihnen eigenthümlich. Ihr Satz in Mozart’s Styl ist nicht weniger außerordentlich, und kein andrer Componist außer Ihnen würde fähig gewesen sein, jene herrliche Melodiefülle wiederzugeben, die, gleich einem immerwährenden Lenze, aufspringt, ich sich über alle seine Compositionen verbreitet. Der folgende Satz scheint mir wesentlicher Ihr eigner. Doch was soll ich von dem letzten sagen. Ich vermuthe, Sie beabsichtigten damit eine Parodie auf Auber und die geräuschvolle Französische Schule. Sagen Sie mir – meinten Sie damit eine Satyre? Es ist reich an Vortrefflichkeiten, welche außerhalb der Fähigkeiten jener Schüler der „metallenen Schule” (brazen school) liegen, jener Verehrer von dem, was geräuschvoll ist – Das ist nicht zu läugnen, denn was Sie nur berühren, muß Vertrefflichkeit gewinnen, und dennoch, genau als dies verhältnißmäßig der Fall ist, ist eine vollständige Aehnlichkeit nicht vorhanden: Sie können wohl wie Händel und Mozart schreiben, allein, erlauben Sie mir dies Urtheil, nicht wie Auber, aus demselben Grunde, daß, obgleich Milton vollkommen Italiänisch verstand, er niemals den Text zu „Il Barbiere di Seviglia würde habe schreiben können.
Ich hoffe, Sie werden mir die Kühnheit verzeihen, mit welcher ich meine Meinung ausgesprochen habe; da Sie mich aber mit der Bitte beehrten, eine solche zu geben, so that ich es mit Aufrichtigkeit.
Die Aufführung war für das erste Mal recht gut. Mein Freund Potter gab sich viele Mühe mit der „Historischen Symphonie” und dirigirte vorzüglich gut. Smart dirigirte die Symphonie in C minor, doch nicht so gut. Ich hoffe, sie wird in andre Hände fallen, sollte sie einmal öffentlich aufgeführt werden3 (dies ist entre nous.)
Ich nähre die Hoffnung, Deutschland in diesem nächsten Sommer zu besuchen, und bemühe mich deshalb meine Geschäfte demgemäß zu arrangiren. Mein öffentliches Engagement wird ungefähr am 20sten Juni zu Ende sein, und sollte ich die Aussicht haben, Sie zu irgend einer Zeit zwischen diesem Datum und dem ersten August in Cassel zu treffen, so möchte ich hoffentlich im Stande sein, meinen lange genährten Wunsch, daselbst mit Ihnen einige Tage zuzubringen, in Erfüllung gebracht zu sehen.
Potter gab mir Ihren Auftrag4 an ihn hinsichtlich des Oratoriums, und ich freue mich, zu hören, daß Sie schon so weit damit vorgerückt sind. Wenn mein Wunsch, Deutschland zu besuchen realisirt werden sollte, so würde ich zu gleicher Zeit das Vergnügen haben, durchzublättern, was Sie geschrieben haben.
Das Paket mit den Büchern5 ist noch nicht angekommen, weil Boosey’s Communication mit Deutschland nicht sehr häufig ist. Indessen bedarf ich sie nicht so bald, weil ich jetzt mit Vorlesungen über Englische Musik beschäftigt bin.
Meine Frau, mein Sohn und meine Töchter vereinigen mit mir ihre herzlichsten Grüße für Sie u. Ihre Frau Gemahlin, so wie wir bitten, uns Frau v. Malsburg auf’s Freundschaftlichste zu empfehlen.
Mit der innigsten Achtung u. Freundschaft unterzeichne ich,
als

Ihr ergebenster Freund
Edward Taylor



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Taylor. Spohrs Antwortbrief ist derzeit ebenfalls verschollen.
Den deutschen Text dieses Briefs schrieb Taylors spätere Schwiegertochter Meta geb. Dochow (vgl. Taylor an Spohr, 03.11.1840).

[1] Vgl. „Philharmonic New Orchestra“, in: Musical World 13 (1840), S. 83.

[2] Aus The Tempest.

[3] Bei der Aufführung am 09.03.1840 dirigierte ebenfalls Cipriani Potter (vgl. Taylor an Spohr, 27.03.1840).

[4] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[5] Vgl. Taylor an Spohr, 07.11.1839.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.12.2018).