Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck: „Briefe von Friedrich Kühmstedt“, in: Urania 51 (1894), S. 5f., 22, 30f., 38f., 45f., 61f. und 86f., hier S. 22

Hochwohlgeborner Herr,
Hochverehrtester Herr Kapellmeister!

Ich wage es hiermit Ihnen das zweite Heft meines Gradus ad Parnassum1 zu Füßen zu legen. Zwar fühle ich, daß diese Arbeit in den Augen Ew. Hochwohlgeboren eine Kleinigkeit ist, ich glaubete aber wenigstens etwas Nützliches gemacht zu haben, und so dürfte ich mich auch wohl der Hoffnung hingeben, daß Ew. Hochwohlgeboren meine Arbeit mit Nachsicht betrachten werden. Glücklich würde es mich machen, wenn ich hörte daß Ew. Wohlgeboren den Gradus ad Parnassum der Berücksichtigung nicht unwerth fänden. Dies hoffend, bin ich mit unbegrenzter Verehrung Ew. Hochwohlgeboren ganz ergebenster

F. Kühmstedt.

Eisenach am 5ten Januar 1840.

Ich sehe mich genöthigt, Ew. Hochwohlgeboren werden dies entschuldigen, ein Postscriptum zu machen, da ein Umstand sich ereignete, der mich ärgerte, da ich nämlich, wider den Willen einiger Großen hier, diese meine jetzige Stelle erhielt, so bin ich ihnen immer un immer ein Gegenstand des Hasses, und man ist eifrigst bemüht, Alles was von mir ausgeht, herunterzuziehen – So hat man sich auch sogleich über meinen Gradus ad Parnassum hergemacht u. ihn1 einem der Herren von Boineburgk in Stedtfeld vorgelegt3, aber nicht dem Cellospieler, den Ew. Hochwohlgeboren kennen u. der ein sehr schätzenswerther Mann ist, sondern einem Vetter von diesem, der als Klavierspieler u. Componist bei den Eisenachern im großen Ansehen steht, der aber nach meiner festen Ueberzeugung, und dies Urtheil4 spreche ich ohne allen Haß pp - ein Mensch ist, dem selbst der gesunde Menschenverstand abgeht. Von Anlage der Musik ist nicht die Rede. Das einzige was er besitzt, ist eine für seinen Stand und Kräfte ziemliche Fingerfertigkeit. Ich habe ihn mehrmals spiele hören, aber nicht einmal die fernste Idee von Takt vernommen. Dieses Genie hat nun bei Durchlesung des Gradus ad Parn. mitleidig die Achseln gezuckt und hat gesagt: das wären ganz unbedeutende Kleinigkeiten, u. ich bewiese hierdurch, daß ich weder Talent hätte noch in die Geheimnisse der Kunst eingedrungen wäre pp. - Ich bin nichts weniger als eingebildet von mir, denn ich weiß5 was für Meister gelebt haben u. welche noch leben, aber ich fühle auch eine gewisse Kraft, die zu bekennen ich mich nicht schäme. Feige, kriechende Demuth ist eben so albern als Arroganz u. Einbildung. Und sonach gestehe ich, daß ich glaube, in den Präludien und der Fuge des zweiten Heftes von Seite 186 an bis zu Ende – wenn ich wirklich die Canones des ersten u. zweiten Heftes gar nicht in Betracht ziehen will – etwas Gutes und gerade auch nichts Gewöhnliches geliefert zu haben. Doch mein Urtheil gilt nichts in der Sache. Ich möchte aber Ew. Hochwohlgeboren angelegentlichst gebeten haben, mir doch – wenn Ihnen eben die Sache nicht so gering wäre –7 Ihre unverholene Meinung über meinem Gradus ad Parnassum zu schreiben, fällt Ihr Urtheil zu meinem Nachtheil aus, so weiß ich, daß auch die Gründe dazu nich fehlen; dann freue ich mich ein Licht zu haben, was mich auf den rechten Weg bringt u. ich werde Ew. Hochwohlgeboren ewig danken; fällt es aber zu Gunsten meiner aus, nun so freue ich mich umsomehr u. kann meine bittern Gegnern zum Stillschweigen bringen, denn gegen das Urtheil Ew. Hochwohlgeboren wagt keiner zu mucken. In der Hoffnung, daß Ew. Hochwohlgeboren meine Bitte nicht ungütig aufnehmen werden, bin ich in gespanntester Erwartung und mit unbegrenzter Verehrung Ew. Hochwohlgeboren

ganz ergebenster
FKühmstedt.

Eisenach am 9ten Januar
1840.

Erwähnte Personen: Boyneburg, von (Cellist)
Boyneburg, von (Pianist)
Erwähnte Kompositionen: Kühmstedt, Friedrich : Gradus ad Parnassum
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840010540

http://bit.ly/2riOdU8

Spohr



Spohr beantwortete diesen Brief am 19.01.1840.

[1] Fr[iedrich] Kühmstedt, Gradus ad Parnassum oder Vorschule zu Sebastian Bach‘s Clavier und Orgelcompositionen in Praeludien und Fugen durch alle Dur und Molltonarten, op. 4, Mainz o.J.

[2] „ihn“ über der Zeile eingefügt.

[3] „vorgelegt“ über der Zeile eingefügt.

[4] Hier gestrichen: „muß“.

[5] Hier ein oder zwei Buchstaben gestrichen.

[6] Kühmstedt, Gradus ad Parnassum, H. 2, S. 18.

[7] Hier gestrichen: „u.“(?).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.06.2017).