Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287 (teilweise)

Meiningen d. 4 März 39.

Wohlgeborner Herr,
Hochzuverehrender Herr Doctor und Kapellmeister!

Kaum weiß ich Worte zu finden, um meinen Dank für Ihre Güte auszudrücken. Gewiß ist dieß der Seegen meines Onkels, der mich noch sterbend zuflüsterte, „Sie würden mich nicht verlassen, aber ich werde auch nie vergessen, was Sie für mich thun, und mich stets bemühen, Ihren Empfehlungen Ehre zu machen. Wenn es auch vielleicht mit dieser Stelle fehlt schlagen sollte, so würde sich Ihnen eine Gelegenheit darbieten, meiner gütigst zu gedenken. Ihrem Wunsch gemäß folgt beiliegender Brief von Herrn Kapellmeister Grund1 und H. Concertmeister Knop.2 Voriges Jahr im December machte ich eine musikalische Reise, wo ich in Sonneberg, Bamberg, Erlangen, Nürnberg, Fürth und noch mehreren kleinen Städten auftrat und mit Beifall spielte. In Nürnberg wurde ich, nachdem ich öffentlich gespielt hatte in viele Gesellschaften und zu Musikfreunden gebeten, wo ich denn immer Ihre sämtlichen Solo-Quartette nebst dem G und B dur Potpourri spielte. In Fürth spielte ich dreimal im Casino, jedesmal gegen bestimmtes Honorar. Da ich durch mein Spiel und längeren Aufenthalt in Nürnberg nun ziemlich bekannt wurde, so kam es, daß ich vor einiger Zeit von dem dasigen Comité dem einem Schauspieldirektor als Dirigent des Orchesters vorgeschlagen wurde; allein wahrscheinlich hatte jener schon für diese Stelle gesorgt, und ich habe mich auch nicht weiter darum bekümmert, weil der Musikdirector vom Schauspieldirector abhängt und besoldet wird, der oft nicht im Stande ist seine Leute zu befriedigen. Als ich voriges Jahr zurückkam, spielte ich hier auf der Bühne Ihr 13tes Concert, was Sr. Durchlaucht veranlaßte, einige Tage nachher meinem Onkel3 seinen Beifall über mein Spiel zu bezeugen. In Sondershausen hatte ich ebenfalls das Glück dem Fürsten so wie dem Publikum zu gefallen; ich spielte auf der Bühne ein Concertino von mir und ein Solo von Beriot. Gerne hätte ich Ihnen die Partitur meines Ensemble-Quartetts mitgeschickt, doch will ich sie erst reinlich abschreiben da sie etwas unleserlich ist; ich habe mir dabei Mozart und Bethoven zum Muster gewählt und hatte mich der Zufriedenheit des Herrn Kapellmeisters und mehrerer Kenner zu erfreuen. Auf meiner Reise werde ich stets für 26 Jahre gehalten, da mich die Natur mit Körpergröße und Kraft mehr als zu viel begünstigt hat, doch bin ich erst 20 Jahre alt. Mein Onkel hat ein theoretisch practisches Werk hinterlassen,4 welches seine ganze Methode des Unterrichts von Anfang des Violinspiels bis an‘s Ende enthält; er dachte nun es in Druck zu geben. Gewiß käme mir dieß gut zu statten, wenn ich so glücklich wäre, diese Stelle zu erhalten. - Noch einiges will ich erwähnen, da ich zu Ihnen ein kindliches Vertrauen habe, und Sie von dem Folgenden keinen Gebrauch machen werden. Die hiesige Capelle ist jetzt außer H. Grund und Knop sehr baufällig, namentlich fehlt es sehr an Geigen; allein wenn hier ein junger Mensch der etwas leistet, angestellt wird, so wird er auf Kosten des Herzogs 2 Monate nach Paris oder Wien, wie gerade jetzt zwei Fälle vorhanden sind, geschickt, um dort die Weisheit zu lernen, und dann bekommt er hier 100 Rth und wird er fünfzig Jahre alt, dann bekömmt er erst die Besoldung eines Cammermusikers von 200-250 Rth. Diesen Vorschlag that mir auch H. Kapellmeister, mich auf Kosten des Herzogs nach Paris zu schicken und dann hier anstellen zu lassen denn ich hätte ja hier wenig Dienst, Zeit zum Studieren, und Reisen zu machen; allein schon mein Onkelt hatte diesen Antrag einmal abgeschlagen, denn ich habe hier nichts zuzusetzen, und wenn ich das hätte dann brauchte ich mich gar nicht hier mit 100 Rth ansstellen zu lassen sondern könnte so reisen. Der H. Kapellmeister hat freilich gutes Auskommen mit 800 Rth., aber es will doch jeder Mensch leben, er mag viel oder wenig thun, und hier reichen 100 Rth. kaum zu Holz und Wohnung hin. Es ist meine Schuldigkeit zu thun wie ich meinem sterbenden Onkel versprach, mir fort von hier, denn hier ist die musikalische Welt mit Brettern zugenagelt und klebt man einmal hier, dann kömmt mach nicht weiter. Mein Onkel sagte mir immer, „Du“ darfst getrost auftreten in jeder Stadt, für jedem Puplikum, denn Du brauchst dich nicht zu fürchten. „Mein Plan ist so, daß ich mir wo möglich nun etwas spare, wenn ich eine Stelle erhalte, um mich dann später noch einmal einige Monate in Cassel aufhalten zu können, denn „von Spohr können alle Geiger lernen, sie mögen so geschickt sein wie sie wollen“ waren oft meines Onkels [...]5



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Happ, 28.02.1839. Spohr beantwortete diesen Brief am 26.03.1839.

[1] Vgl. Eduard Grund an Spohr, 04.03.1839.

[2] Vgl. Gustav Knoop an Spohr, 06.03.1839.

[3] Johann Christian Wilhelm Bärwolf.

[4] Hier gestrichen: „in“.

[5] Ab hier Textverlust.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.10.2019).