Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Inhaltsangabe: Folker Göthel, Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 193

Sr. Wohlgeboren
Herrn Hofkapellmeister Spohr
Doctor
in
Kassel

franco!


Hamburg, d. 6 Febr 1839.

Hochgeehrter Herr!

Wenn Ihnen nachstehende Zeilen in Form eines Auftrags, ja ich möchte sagen in Form einer Bestellung erscheinen sollten, so bitte ich im Voraus tausend Mal um Entschuldigung. Ich bin ein großer Musikfreund, ausübender Dilettant auf der Violine und dabei Musikalien Verleger. Es muß mir daher sehr darum zu thun seyn, eine Verbindung mit Ihnen wieder anzuknüpfen, sie aufzufrischen, welche seit Empfang der 4stg. Lieder1 also länger als zwei Jahre schlummerte.
Das vorangeschickt, wage ich es mein Anliegen vorzubringen & meinen Wunsch auszusprechen, nahmlich: eine Composition von Ihnen, dem ersten jetzt lebenden Tonmeister zu besitzen & zwar ein Werk, welches nach meinen eigenen Bedürfnissen, einem längst gefühlten allgemeinen Bedürfnisse abhilft. Es sind dies 20 bis 24 tägliche Studien für 1 Violine (für Virtuosen & tüchtige Dilettanten), in welchen alle Schwierigkeiten enthalten & gewissermaßen dazu dienen, dem Violinspieler den nöthigen Nahrungsstoff zu reichen, wodurch er jeden Morgen, seinen Arm, Finger etc. in Bewegung setzt2 & somit sogleich seine Ausbildung bezweckt. Erst nachdem der Spieler diese täglichen Studien durch gearbeitet, geht er mit gestärkter Kraft zum Einüben seiner Concert oder Quartett Piece über.
In gedrängter Kürze würden also in diesem Hefte 24 Compositionen geboten werden, wovon jede einzelne eine Schwierigkeit behandelt, seyen es: der Triller, die Doppelgriffe, Passagen, Staccato, Adagio (zur Aneignung eines schönen Tons, seelenvollen Vortrags & saubern Strichs) etc. durch verschiedene Tonarten, Positionen.
Ich glaube mich deutlich genug gemacht zu haben und überlasse es Ihnen ganz auf welche Weise Sie, hochgefeierter Mann, meinen angeregten Plan für gut finden oder nicht. – Czerny hat 24 tägliche Studien für Pianoforte geschrieben, doch scheint es mir als sey derselbe zu leichtfertig damit zu Werke gegangen, mehr auf Ohrenreiz als Studium gesehen zu haben. Sie würden mich zum Glücklichsten aller Sterblichen machen wenn Sie recht bald mit einer Antwort erfreuten

Ihren
großen Verehrer
Julius Schuberth
Buch & Musikhändler
in Hamburg gr. Bäckerstr.

P.S.
Durch Ihre wunderherrlichen Compositionen, bereiteten Sie mir schon unzählige genußreiche Abende! Oftmals dachte ich „wenn ich nur wüßte wodurch ich den Meister Spohr, den Unsterblichen, überraschen könnte?!, sage er: 1 frische Austern, 1 Stück Rauchfleisch, See Hummer, oder sonst etwas?! Ein leiser Wunsch würde mir Befehl; – ich bitte daher recht inständigst, sprechen Sie zu mir, als mit einem Freund mit dem Sie seit einer Reihe von Jahren persönlich Umgang gehabt hätten. Ich bitte nochmals! – und hoffe Sie werden3 die nöthige Prosa im menschlichen Leben (ich meine das P.S.) entschuldigend, aber als von Herzen kommend aufnehmen4

d. Nebige

Autor(en): Schuberth
Schuberth, Julius
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Czerny, Carl
Erwähnte Kompositionen: Czerny, Carl : Vorschule der Fingerfertigkeit, op. 636
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1839020655

http://bit.ly/32JVD3w

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schuberth an Spohr, 06.11.1836. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen. Der Antwortbrief entstand entweder nach dem nächsten erhaltenen Brief dieser Korrespondenz, Schuberth an Spohr, 02.03.1839, oder die Postwege beider Briefe überschnitten sich.

[1] Op. 90 (vgl. Schuberth an Spohr, 29.12.1834).

[2] „setzt“ über der Zeile eingefügt.

[3] „Sie werden“ über der Zeile eingefügt.

[4] Zwischen „auf“ und „nehmen“ gestrichen: „zu“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (13.11.2020).