Autograf: Staatsbibliothek Berlin Preußischer Kulturbesitz – Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 1,73
Druck: [Ernst Rychnovsky], Beschreibendes Verzeichnis der Autographen-Sammlung Fritz Donebauer in Prag, 2. Aufl., Prag 1900, S. 104 (teilweise)

Wien, den 20 Okt. 1838.

Herrn Louis Spohr in Cassel.
Hochgeehrtester Herr u. Freund!

Auf Ihr Geehrtes v. 4 d.M. säume ich nicht freundschaftlichst zu erwiedern, daß mit dem Honorar R.P. 200- für Ihre 5te Sinfonie vollkommen zustimme und einverstanden bin. Ich wender Ihnen den Betrag demnächst vom Leipzig aus übermachen lassen.
Hinsichtlich der Entscheidung aber muß ich bemerken, daß es eine Unmöglichkeit bis Ende dieses Jahr den Stich der Partitur und der Orchesterstimmen zu prästiren, und werde froh seyn, wenn ich bis Ostern 1839 damit fertig werde. Der Stich einer Partitur geht immer wegen der genauen Unterlegung etwas langsammer, denn ist mein erster Stecher dem ich diese Arbeit anvertrauen muß, seit einiger Zeit mit einem Augenübel behaftet, und darf wegen grellen Reflex(?) des Lichtes auf die Platte nicht die Abende arbeiten. - Uibrigens versichere ich Sie das geschehen wird, was nur möglich ist, und bitte ich bei vorkommenden Anfragen1 dieß zu benachrichtigen.
Seit kurzem nimmt die hiesige Mauth- und Censur eine solche Strenge an, daß es bald nicht mer auszuhalten seyn wird. Erst vor ein Paar Wochen wurde mir ein ganzer mit Musikalien aus Leipzig angehalten, weil 3 bis 4 Nummern von der Lpz. M. Zeitung von Br. & Härtel dabey befindlich waren, und ich werde froh seyn,2 den Ballen in 2 Monaten zu erhalten und wahrscheinlich eine ziemliche Straffe zahlen müssen, da nach einer neuen Anordnung (die jedoch dem Greminum nicht mitgetheilt wurde) die Zeitungen also auch die musikalische Ztg. nur mit der Post eingeführt werden dürfe.
Die Censur verlangt nun wie es früher nur die Buchhändler anging auch von den musikalischen Händlern 2 Expl. in Manuscript vor dem Drucke einzureichen, wo dann auf eines das Imprimatur3 gegebn u. das andere zurück behalten wird. Nach der Drucklegung müssen von jedem Werk, es mag Galopp, Sonate, Quartett, Sinfonie, Messe oder Oratorium seyn 3 sage drey sogenannte Pflichtexemplare abgeliefert werden, die dann an Antiquare gelangen und zu diesem Spottpreis öffentlich in den Zeitungen ausgebothen werden.4 Ein Beyspiel hatte ich erst vor kurzem mit Lindpainters Fest-Ouverture für das Orchester, wovon ich in Wien kein Exemplar verkaufte, daß gestempelte Pflicht-Exemplar aber bei dem Antiquar Ascher angehändigt u. verkauft wurde.
Sie sehen daraus daß man gequält u. beeinträchtiget wird, und daß man alle Lust u. Liebe etwas besseres u. grösseres zu unternehmen unter solchen Umständen verlieren muß.
Würde ich nicht im Alter vorgerrückt und seit einigen Jahr immer kränker seyn, so würde ich nach Leipzig oder in eine andere Stadt mit meinm Verlag übersiedeln, dnn ich Wien wird ausser Walzer von besseren Werken ohnedieß nicht viel verkauft.
Entschuldigen Sie daß ich Ihre Zeit mit diesen Mittheilungen genommen habe und lassen sich in vollster Freundschaft, Hochachtung und Verehrung begrüssen von

Ihrem
aufrichtig ergebenem Freund
Tobias Haslinger.

Erwähnte Personen: Ascher, Franz Xaver
Erwähnte Kompositionen: Lindpainter, Peter von : Ouvertüre zur Eröffnung des Musikfests in Halle, TV 281
Spohr, Louis : Sinfonien, op. 102
Erwähnte Orte: Wien
Erwähnte Institutionen: Polizeidirektion <Wien>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1838102052

http://bit.ly/2h8lv3H

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Haslinger, 04.10.1838. Dieser Brief ist der späteste derzeit bekannte Brief dieser Korrespondenz.

[1] „Anfragen“ unter gestrichenem „Fällen“ eingefügt.

[2] Hier gestrichen: „müssen“.

[3] Druckerlaubnis.

[4] Hier übertreibt Haslinger anscheinend. Nur eins der Pflichtexemplare nahm wohl den hier beschriebenen Weg, die anderen beiden Exemplare kamen in die Hof- und in die Universitätsbibliothek (vgl. Oesterreichische Zeitschrift für Geschichts- und Staatskunde 3 (1837), Blätter für Literatur, Kunst und Kritik, S. 79, Anm. 1).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (28.07.2017).