Autograf: Universitätsbibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

London den 24ten Sept. 1838.
10. Duke Street St. James’s.


Hochgeehrtester Herr,


Ich habe Ihren werthen Brief erhalten und die Erlaubniß die Sie mir darin gaben, Ihnen meine Fantasie zueignen zu dürfen, hat mich ungemein erfreut, und profitire von einer Gelegenheit um Ihnen jezt auch ein gestochenes Exemplar und zugleich meinen innigsten Dank zuzusenden, Sie werden zwar auf dem Titelblatt mein Bildniß finden, und jedermann der es sieht findet, daß es etwas ähnlich ist; der Künstler hat mir geschmeichelt indem er mich jünger darstellte, hingegen hat er meine Eitelkeit beleidigt, da er mir eine zu dicke Nase andichtete, auch ist die Form meines Gesichtes mehr länglicht und, obwohl ich mich jezt mit dem berühmten, saftigen Roastbeef, Beefsteak, Porter1 etc. nähre, so lügt doch das Bild, denn ich bleibe stets dieselbe als ich war, namlich mehr mager als fett, und obwohl ich mir wenig, und ich muß sagen selbst zu wenig, daraus mache wie man meinen Anzug und Kopfputz findet, so setze ich mir doch nie ein solchen einen ungraziösen Berg auf den Kopf als auf dem Bild ist2; wenn Sie es nun sehen geehrter Herr, und sich alle die gemachten Anmerkungen hinzu denken, so können Sie sich ohngefähr vorstellen wie Ihre Sie verehrende Schülerin jezt aussieht. ich habe mir hier in England ein schönes, großes Buch angeschaft was man bey uns Album, und hier Scrapbook nennt, da hinein habe ich alle Stammbuchblätter, die ich in Deutschland, Frankreich und England von Künstlern bekomen habe, geklebt, da habe ich von Deutschland Antonio Rolla, Hummel, Morlacchi und Schnyder von Wartensee; von Frankreich Baillot, Chopin, Liszt, und Paganini, und von England Moscheles, Neukomm, die Gebrüder Cramer, Beriot, Thalberg, Rubini, Tamburini, Gisi, Lablache, Ivanoff, Balfe und sogar der berühmte Walzerkomponisten Straus und noch mehr andere Künstler, doch von Anfang des Buches steht das Bild des größten und vollkommensten Künstlers, es ist Louis Spohr! und mit Stolz setze ich hinzu, mein Lehrer, der höchst noble Künstler dem ich Alles zu verdanken habe, und an den ich, so lang ich lebe, stets mit dankbarem Herzen denken werde. Die vergangene musikalische Season war arm an guten, fremden Künstlern, da war der Violinspieler Bott3, der hatte aber kein Glük und reißte, ohne ein Konzert gegeben zu haben, bald wieder ab4. Der Klavierspieler Döhler der machte bessere Geschäften weil man schon, als er kam, sehr viel Lärm von ihm machte, und weil die Engländer dieses, und ich möchte sagen, nur dieses Instrument lieben, verstehen und selbst spielen. Der Flötenspieler Heinemayer von Hanover der ein Quasi englischer Unterthan ist5, wurde von dem hiesigen Hofe und besonders vom Herzog Cambridge protegirt und gab ein ziemlich gutes Konzert, worüber er sich wohl freuen durfte da dieses Jahr die Konzerte beinahe alle schlecht ausfielen; ich wäre diesmal gar nicht nach London gekomen wenn nicht die Niederkunft meiner Tochter6 uns dahin gerufen hätte, sie erfreute uns mit einem lieben, gesunden Knaben der den 9ten Juni auf die Welt kam, ich konte also unmöglich an Geschäfte denken, und da ich in der Provinz etwas Geld gesammelt hatte, so konte ich zu Hauße bleiben bei meinen Lieben und sie pflegen, was mich und meine Tochter recht beglükte. – Nun haben wir vor nach Irland und vielleicht, wenn der künftige Winter nicht zu kalt ist, nach Schottland zu reißen, und wenn wir von dieser Reise zurükkommen, so wünsche ich dann in London zu bleiben, keine Reise mehr zu unternehmen, sondern mich hier mit Leikzionengeben zu beschäftigen, denn Ach! das Konzert geben in diesem Land ist gar zu traurig; wenn man sich nicht herunterlassen kan Charlatanismus zu treiben so gewinnt man wenig, und demjenigen der ein solches Talent und Ehrgefühl besizt ist es nicht möglich sich so zu entwürdigen. – Ich werde diesen Brief und die Musik an Herrn Schnyder von Wartensee in Frankfurt adressiren und ihn bitten es mit einer Gelegenheit nach Kassel zu schiken, denn ich wünschte Ihnen geehrter Herr, keine Unkosten zu verursachen, Sie waren so gütig mich in Ihrem letzten Briefe mit der Hofnung zu erfreuen mir, wenn Sie eine Gelegenheit nach London finden, etwas von Ihrer vortrefflichen Composition für Violin und Klavier zu überschiken, und ich zweifle nicht daß, wenn Sie es an Hr. Schnyder von Wartensee senden, er die Gefälligkeit haben wird, um die ich ihn auch in meinem Briefe bitten werde, es mir durch eine Gelegenheit, zukommen zu lassen, doch muß ich bitten für mich etwas zu wählen was nicht zu schwer ist, damit ich im Stande sein werde es auch dem Compositeur würdig vorzutragen. –
Mein Mann und meine Tochter empfehlen sich Ihnen höflichst, und ich bitte mich Ihrer Frau Gemahlin meine Hochachtung zu bezeugen, und indem ich Ihnen geehrter Herr, die beste Gesundheit und die heiterste Zufriedenheit von ganzem Herzen wünsche, habe ich die Ehre zu verbleiben

Hochgeehrtester Herr
Ihre ganz und stets ergebene
Elise Filipowicz



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Filipowicz. Spohrs Antwortbrief vom 27.12.1838 ist derzeit verschollen.
Spohr erhielt diesen Brief mit Beilage erst zusammen mit Wilhelm Speyer an Spohr, 10.12.1838.

[1] Traditionelles englisches Dunkelbier.

[2] Vgl. http://digitalcollections.nypl.org/items/510d47dd-f6de-a3d9-e040-e00a18064a99.

[3]  Trotz der Schreibweise handelt es sich nicht um den erst 1836 geborenen Jean Bott, sondern um August Pott. Angesichts ihrer Einsilbigkeit war es Filipowicz wohl nicht bewusst, dass August Pott Schüler Spohr gewesen war.

[4]  Ein eigenes Konzert August Potts lässt sich in London 1838 entsprechend nicht nachweisen. Allerdings spielte er im sechsten Philharmonic Concert am 21.05. („Sixth Philharmonic Concert“, in: Musical World 8 (1838), S. 68). Zudem war Pott mehrmals für andere Konzertgeber tätig, etwa am 19.06. in einem Konzert Henry Blagroves an der Seite Theodor Döhlers („Miscellaneous“, in: ebd., S. 121). Zu anderem Anlass war er auch neben Teresa Milanollo zu hören („Mdlle. Ostergaard’s and Miss Nunn’s Concert“, in: ebd., S. 130).

[5] Vgl. „M. Heinemeyer’s Concert“, in: ebd., S. 98. Der bei diesem Konzert anwesende Adolphus Frederick, Duke of Cambridge war von 1816 bis 1837 englischer Generalstatthalter in Hannover.

[6] Verh. Ratajaska.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Volker Timmermann (09.07.2020).