Autograf: Spohr Museum Kassel, Sign. Sp. ep. 1.1 <18380906>

Sr. Wohlgeb
dem Herrn Oberorganist
Adolph Hesse
Breslau.

franco

nebst einer
Rolle Musika-
lien, gez.:
H. O. H.



Cassel den 6ten
Sept. 1838.

Geehrter Freund,

Beykommend erhalten Sie die gewünschte Clavierbegleitung zum 1ten Concertino, die Copialgebühren können Sie mir erstatten, wenn wir uns nächsten Sommer hier oder dort wo wiedersehen.
Daß Sie auf Ihren weiteren Reisen so viel Vergnügen gehabt und so viel Ehre eingewürkt(?) haben, freut mich herzlichst. Wir wurden noch in Carlsbad durch einen Unfall, den meine Schwiegermutter erlitt, erschreckt und geängstig1; da er aber weiter keine üblen Folge hatte, so war unsere Rückreise doch recht vergnügt. Wir blieben 2 Tage in Leipzig, besuchten das neue Etabilssement in Raschwitz2, fuhren auf der Eisenbahn und hatten einen interessanten Musikabend bey Mad. Voigt.3 – Zu Haus fand ich die Geschäfte so angehäuft, daß ich lange nicht zur Arbeit kommen konnte. Endlich habe ich dann wieder begonnen und 2 Sätze zum 5ten Quintett fertig. – Paul in Dresden, der mich neuerdings, wahrscheinlich auf Ihre Veranlassung, sehr drängt, ihm etwas zu geben, wird wahrscheinlich der Verleger seyn; ich habe es ihm wenigstens avisirt. Sie könnten ihm dann wohl eine 4händige Bearbeitung davon machen.
Herzliche Grüße an Hrn. Köhler, sowie die Familie Friesner4, wenn sie schon aus Töplitz zurückgekehrt ist.
Beriot ist ein höchst eleganter Spieler und nur zu bedauern, daß er nicht den Muth hat, den Paganini‘schen Späßen, die ihn überdies bey seinem edlen Anstand und Äußeren, so schlecht stehen, [zu] entsagen. Er würde dann bey besseren Kompositionen völlig befriedigen können. Die Garcia ist ein geniales Mädchen. Ewig(?) schade, daß ihre Stimme nicht besser ist.5
Leben Sie wohl.
Mit wahrer Freundschaft u Hochachtung

ganz
der Ihrige
Louis Spohr

NS. Bey Peters ist ja nun doch eine 4händige Bearbeitung meiner 2ten Sinfonie erschienen! Ist es die Ihrige oder eine andere?



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 28.08.1838. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 22.02.1839.

[1] Louise Pfeiffer war beim Aussteigen aus einer Kutsche gestürzt (Marianne Spohr, Tagebucheintrag 20.07.1838).

[2] Vgl. Robert Heller, „Aus Leipzig”, in: Telegraph 2 (1837), S. 173f., hier S. 174.

[3] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 29.07.1838.

[4] Eine Reisebekanntschaft des Ehepaars Spohr: „Um 11 kam Hesse mit einer ganzen Gesellschaft Breslauer [...] Die Damen, Fr. Geh. Commerzienr. Friesner mit Tochter, u Nichte, Frl. Schubert, wußten Ihrer Dankbarkeit gar nicht Worte genug zu geben” (ebd., Eintrag 30.06.1838). An anderer Stelle ist für Frau Friesner das Initial „R.” hinzugefügt, das aber auch den Namen ihres Ehemanns abkürzen könnte (ebd., Einträge 1. und 14.07.1838). Der Vorname der Nichte ist mit Ottilie angegeben (ebd., Einträge 2., 8. und 14.07.1838). Vermutlich handelt es sich bei den Gründungsmitgliedern der Singacademie Breslau „Frau Commerzienräthin Friesner” und „Fräulein Ulricke Friesner” um die hier erwähnten Mutter und Tochter (vgl. Joh[ann] Theod[or] Mosevius, Die Breslauische Sing-Akademie in den ersten fünfundzwanzig Jahres ihres Bestehens, Breslau 1850, S. 28).

[5] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 10.07.1838.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.04.2015).