Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18380822>

Breslau d. 22. August 1838.

Hochgeehrtester Freund!

Seit 12 Tagen befinde ich mich wieder hier in behaglicher Ruhe und zehre von den Erinnerungen meiner sehr angenehmen Reise. Es drängt mich vor allen Dingen zu erfahren, wie Ihnen die Carlsbader Kur bekommen ist. Hoffentlich doch ganz gut. Köhler befindet sich körperlich viel wohler als früher, von seinem Gehör1 merkt man indeß für jetzt noch keine Besserung. Vielleicht kommt es noch. Was nun meine Reise anbelangt, so sah ich manches Interessante. Ich ging von Karlsbad über Leipzig nach Berlin, wo ich 8 Tage blieb, und vielseitigen Aufforderungen zu Folge mehrere öffentliche Orgelvorträge hielt. Im Theater hörte ich Falkners Braut von Marschner, eine sehr komplizirte und gesuchte Musik, die mich gar nicht ansprach.2 In Stettin machte ich Löwes Bekanntschaft und fand in ihm einen sehr liebenswürdigen Mann, in einer Abendgesellschaft, wo ich mit ihm zusammen war, trug er mehrere seiner Balladen sehr schön vor, ohne gerade eine besondere Stimme zu haben. Von Stettin fuhr ich mit dem Dampfschiff Dronning Marie nach Kopenhagen.3 Unterwegs hatte ich das Vergnügen die Seekrankheit im höchsten Grade zu bekommen und 15 Stunden mich im bedauernswerthesten Zustande zu befinden. Glücklicher Weise ist die ganze Fahrt in 24 Stunden abgemacht. In Kopenhagen wurde ich sehr liebevoll aufgenommen, man kannte mich schon, indeß that Ihr lieber Brief an Hartmann4 , (der einer der liebenswürdigsten Künstler ist) doch die meiste Wirkung; ich bin Ihnen außerordentlich dankbar dafür. Man zeigte mir alle Merkwürdigkeiten der Stadt und Umgegend; der bedeutendste hier lebende Künstler ist ohnstreitig der Professor und Ritter Weyse, Organist an der Frauenkirche. Er ist ein wirklich gelehrter Musiker und sehr tüchtiger Organist. Die Orgel in der Frauenkirche ist eine der schönsten und reinsten, die ich jemals sah. Sie ist noch ganz neu, und kostet 30000 Thaler. Ich habe viel darauf gespielt. Hartmann zeigte mir auch seine Sinfonie (in G-moll) die mir sehr gefallen hat. Ich mußte mich nochmals über Mendelssohn sehr wundern, daß er daraus nicht klug werden konnte.5 — Kopenhagen sowie die ganze Seereise hat auf mich einen großartigen Eindruck gemacht. Auf dem Rückwege wurde ich ebenfalls wieder sehr krank, und blieb es auch bis Stettin. Doch mag diese Seekrankheit recht gesund sein, denn ich habe während derselben alle in mir befindliche Galle von mir gegeben, zwar immer mit Tod und Leben ringend.·In Berlin hatte ich noch in der Singakademie herrliche Genüsse; im Opernhause gab man am 3. August zu Königs Geburtstag 1) Festmarsch u. 2) Volkshymne von Spontini, mit furchtbaren Massen ausgeführt, sodann „Heil dir im Siegerkranz“, von diesen Massen und dem ganzen Publikum vorgetragen (ich selbst sang aus großem Patriotismus bedeutend mit). Hierauf folgte die Macht des Liedes von Lindpaintner. Eine hübsche, gefällige Musik, ohne jedoch Neues zu enthalten und mit seinem Vampyr gar nicht zu vergleichen.6
Von Berlin reiste ich nochmals nach Dresden, wo ich Beriot im Konzert7 hörte, der mich, aufrichtig gesagt, herzlich gelangweilt hat. Ich kann einen Künstler, wie ihn, nur verachten, der seine ganze Lebenszeit nach nichts Geistreicherem strebt, als solch fades, erbärmliches Zeug zu komponiren und zu spielen. Auch fand ich, außer dem Tremolo, in seinen Sachen gar nicht die Schwierigkeiten, die ich erwartete. Ich habe meine Meinung denen bis in den 3ten Himmel entzückten Dresdenern ziemlich derb gesagt und Naß stimmte ganz mit überein. Beriots Schwägerin Garcia8 kam mir weit genialer vor. Clara Wieck sowie die Künstlerfamilie Lewy aus Wien hörte ich auch noch bei einem musik. Dejeuner. Lewy ist Hornist bei der Wiener Oper, sein ältester Sohn spielt Klavier, seine Tochter Pedalharfe, und der jüngste, ein bildschöner Knabe von 8 Jahren, behandelt das Horn mit einer Kraft und Energie, daß man erstaunen muß.9 Dies wären denn so die interessantesten Momente meiner ferneren Reise gewesen, die angenehmste Zeit erlebte ich doch in Karlsbad. Auf Ihr Urtheil über Beriot bin ich gespannt.10 Schreiben Sie mir ja recht bald.
Einige Urtheile über mein Orgelspiel war ich so frei beizulegen. Empfehlen Sie mich den lieben Ihrigen aufs angelegentlichste. Hochachtungsvoll

Ihr ergebenster Verehrer
Adolph Hesse.

NS. Ries in Berlin zeigte mir eine kostbare Stradivari-Geige, die er aus dem Nachlaß eines Kunstfreundes11 erstanden hat.



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 18.05.1838. Bevor Spohr antwortete, schickte ergänzte Hesse mit seinem Brief vom 28.08.1838.

[1] Vgl. [Carl] Kossmaly und Carlo (d.i. Carl Heinrich Hertzel), Schlesisches Tonkünstlerlexikon, Breslau 1846, S. 126.

[2] Zur Berliner Inszenierung von Marschners Des Falkners Braut vgl. „Berlin, den 30sten April 1838”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 40 (1838), Sp. 334-337, hier Sp. 334f.

[3] Zur Postschiffverbindung mit der Dronning Marie zwischen Stettin und Kopenhagen vgl. „Om Brevforsendelse med Damfkibet ‘Dronning Marie’”, in: Fædrelandet 4 (1838), Sp. 825-833.

[4] Spohr an Johann Peter Emil Hartmann, 07.07.1838.

[5] Spohr hatte diese Sinfonie Mendelssohn in einem Brief vom 28. Dezember 1837 empfohlen: „Vieleicht [sic!] könnte aber für Ihr Armen-Concert eine Sinfonie von Hartmann in Copenhagen an deren Stelle treten. Diese habe ich in Partitur vor ein paar Tagen auf den Wunsch des Komponisten an Herrn Hofmeister in Leipzig geschickt, nachdem wir sie hier zu großer Ergötzung der Kenner aufgeführt hatten. Ich füge einige empfehlende Worte für Sie bey; da der Verfasser sehr wünscht sie dort gegeben zu [sehen]. Ich wiederhole hier, daß mir seit vielen Jahren keine neue Sinfonie so sehr wie diese gefallen hat.” (John Michael Cooper und R. Larry Todd, „’With true esteem and friendship’: The Correspondence of Felix Mendelssohn Bartholdy and Louis Spohr, in: Journal of Musicological Research 29 (2010), S. 171-259, hier S. 232). Bis zum September 1838 ist kein Brief von Mendelssohn an Spohr überliefert, doch schrieb er am 2. Januar 1838 an den von Spohr erwähnten Friedrich Hofmeister: „geehrte <geehrtes> Zuschrift von diesem Morgen nebst <der Partitur> de<s>r <Hrn.> Symphonie des Hrn Hartmann habe ich empfangen, und da mir Hr. KM. Spohr vor mehreren Tagen über dieselbe mit gleichem Lobe, <wie zuvor Sie> <direct>, geschrieben hat, so <werde> erwarte ich etwas Ausgezeichnetes davon [...]” (in: Felix Mendelssohn Bartholdy, Sämtliche Briefe, Bd. 5 Juli 1836 bis Januar 1838, hrsg. von Uta Wald unter Mitarbeit von Thomas Kauba, Kassel u.a. 2012, S. 446f., hier S. 446). Am 25. Februar lehnte er in einem Brief an das Direktoriumsmitglied des Gewandhaus Carl Wilhelm August Porsche, Leipzig 25. Februar 1838 die Aufführung ab: „Außerdem wünsche ich die von Spohr so sehr empfohlene Ouvertüre von Dr. Kleinwächter aus Prag darin anzusetzen. Da sie mir weit besser gefällt, als die gleichfalls von Spohr empfohlene Symph. von Hartmann [...] so hoffe ich daß mir die Hrn. Directoren hierin beistimmen werden.” (in: ders., Sämtliche Briefe, Bd. 6 Februar 1838 bis September 1839, hrsg. von Kadja Grönke und Alexander Staub, Kassel u.a. 2012, S. 57f., hier S. 58).

[6] Eine ähnliche Einschätzung auch in: „Berlin, im September”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 40 (1838), Sp. 623ff., hier Sp. 623f.; deutlich knapper: „Berlin”, in: Neue Zeitschrift für Musik 9 (1838), S. 126.

[7] Hesse besuchte entweder das Konzert am 1. oder 6.08.1838 (vgl. „Chronik”, in: Neue Zeitschrift für Musik 9 (1838), S. 50).

[8] Pauline Garcia, später verheiratete Viardot.

[9] Vgl. „Dresden, d. 19ten August”, in: Neue Zeitschrifrt für Musik 9 (1838), S. 46.

[10] Vgl. Folgebrief.

[11] Georg Dubislaw Ludwig von Pirch (vgl. C. Böhmer, „Die Violine, ihre Geschichte und ihr Bau v. Hyacinth Abele”, in: Neue Berliner Musikzeitung 19 (1865), S. 219ff, hier S. 220; Fritz Meyer, Berühmte Geigen und ihre Schicksale. Musikalische Plauderei, Köln 1920, S. 89).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach 17.03.2015).