Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18380228>
Druck: Simon Moser, Das Liedschaffen Louis Spohrs. Studien, Kataloge, Analysen, Wertungen. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Kunstliedes, Kassel 2005, Bd. 1, S. 53 (teilweise)

Cassel den 28sten
Febr. 1838

Geehrter Herr und Freund,

Um nicht wieder mit der langen Litaney von Entschuldigungen anzuheben, womit alle meine Briefe anfangen, will ich nur kurz und gut erzählen, was dieses Mal die Veranlassung zu meinem langen Schweigen war. Anfangs eine sehr traurige, nämlich ein neuer, heftiger Anfall meines Magenkrampfes, weshalb mich auch die Ärzte dieses Jahr ohne Gnade nach Carlsbad zur Kur spediren wollen. Nachher war ich mit der Komposition neuer Lieder beschäftigt, die ich seit einem Jahr der Fürstin von Sondershausen versprochen hatte. Es sind dies Lieder mit obligater Clarinett- und Clavierbegleitung, die die Fürstin, welche gut singen soll, sich von Hermstedt begleiten läßt. Die Gattung hat, wenn man es ehrlich mit dem Text meint, ihre großen Schwierigkeiten, aber sie ist, wenn die Stimme schön genug ist, um mit der Clarinette rivalisiren zu können, von hinreißender Wirkung. Sie war es schon hier, wo wir unter unsern Dilettantinnen keine sehr ausgezeichnete Stimme besitzen. Die Critiker werden an der Gattung wieder viel auszusetzen haben, wie an meinen 4händigen Liedern.1
Kaum hatte ich diese Arbeit beendet, so wurde ich von den Frankfurtern gedrängt, etwas für ihr großes Liederfest zu schreiben. Anfangs lehnte ich es ab, denn ich habe die Überzeugung, daß sich für Männerstimmen kein größeres Tonstück, und besonders im Kirchenstyl, ohne Monotonie schreiben läßt. Wie ich aber erfuhr, daß man ein Orchester von Blasinstumenten haben würde und folglich auch einstimmiger Sologesang stattfinden könne, so erklärte ich mich willig. Und so habe ich denn vor etwa 8 Tagen ein Vater-Unser (nach der Klopstock’schen Dichtung) für 2 Chöre und 4 Solostimmen vollendet. Dies wird nun am 29sten Juli, nebst einer Komposition von Schnyder2 und einer Motette von Klein3 unter meiner Direction von einem Verein von 700 Männerstimmen aufgeführt werden. Ries, der statt der Motette eine 3te Komposition für den 1sten Festtag liefern, so wie auch die Direction übernehmen sollte, ist leider, wie Sie wohl schon wissen werden, seitdem gestorben. Damit ich nun statt seiner die Direction übernehmen kann, hat man das Fest vom Anfang des Juli zum Ende desselben verlegt, weil ich die 5 ersten Wochen meiner Ferienzeit für meine Badekur verwenden muß. Ich werde daher von Carlsbad über Frankfurt hieher zurückkehren. – Das Vater-Unser betreffend, so wünsche ich, daß Sie mir in der Folge, damit das Werk gemeinnütziger werde, die Orchesterparthie der Blasinstrumente in eine Orgelstimme umsetzen, was sich gut wird thun lassen. Ja ich glaube sogar, daß sich mehrere Sätze besser mit Orgel, wie mit Harmoniemusik machen werden.
Auf Ihre neue Sinfonie bin ich sehr gespannt. Ohnlängst haben wir hier eine Sinfonie von einem jungen Komponisten in Copenhagen, Namens Hartmann gemacht, die von großem Talent für diese Gattung zeugt. Er hatte sie auch nach Wien zur Preisaufgabe einschicken wollen, war aber nicht fertig geworden. Er besuchte mich vorigen Sommer und spielte mir seine Sinfonie am Piano vor und äußerte zugleich den Wunsch, daß ich sie in unsern Winterconcerten geben mögte. Dies ist nun geschehen und sie hat den Beyfall unserer wenigen Kenner erworben. Auch in Leipzig wird sie wohl noch diesen Winter gegeben werden; ich habe wenigstens die Partitur an Mendelssohn schicken müssen.4 Über die Aufführung meiner neuen Sinfonie in Wien habe ich noch keine Nachrichten. Irre ich nicht, so fangen die Concerts spirituels aber auch erst in der Fastenzeit an.
Was haben Sie denn für Pläne für nächsten Sommer? Es wäre sehr hübsch, wenn Sie uns in Carlsbad besuchten und noch hübscher, wenn Sie dann uns zum Liederfest nach Frankfurt begleiteten! Auch Kleinwächters werden, wie ich fest hoffe, nach Carlsbad kommen, um so mehr, da aus der vorjährigen gemeinschaftlichen Reise nichts geworden ist.
Leben Sie wohl und erfreuen Sie mich bald mit Nachrichten von sich und Ihrem Breslauer Musiktreiben. Meine Frau und Therese grüßen herzlich. Mit wahrer Freundschaft stets ganz Ihr
Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 15.11.1837 und einen derzeit verschollenen Brief. Hesse beantwortete diesen Brief am 19.04.1838.

[1] Die Lieder op. 101 fanden zumindest in den beiden größten Zeitschriften nur positive Rezensionen. Während die AMZ die vierhändigen Begleitungen nur feststellt („Sechs deutsche Lieder mit zwei- und vierhändiger Pianoforte-Begleitung in Musik gesetzt von Louis Spohr”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 39 (1837), Sp. 697), befürchtet der Rezensent der NZM sogar, „Es wäre zu bedauern, wenn die 4händige Begleitung von dreien dieser Lieder einer weiteren Verbreitung derselben hinderlich sein sollte, wie doch fast zu fürchten” („Sechs deutsche Lieder mit 2- und 4händiger Pianofortebegleitung von Louis Spohr”, in: Neue Zeitschrift für Musik 7 (1837), S. 194). Negative Kritiken sind zu dieser Liedersammlung bislang nicht ermittelt. Auch die Rezensionen zu den Liedern op. 103 in diesen beiden Zeitschriften sind positiv („Louis Spohr. Sechs deutsche Lieder mit Begleitung des Pianoforte und der Klarinette”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 40 (1838), Sp. 865; O[swald] L[orenz], „L. Spohr, sechs deutsche Lieder mit Begl. des Pfte. und der Clarinette [...]”, in: Neue Zeitschrift für Musik 9 (1838), S. 135f.). Allerdings kritisierte Ludwig Rellstab an der Hinzufügung eines begleitenden Instruments, „doch bleibt es außer Zweifel, daß das Aufsuchen äußerer Mittel, das nicht Ausreichen der innern bekundet” („Sechs deutsche Lieder mit Begl. der Clarinette, comp. von L. Spohr. Op. 103”, in: Iris im Gebiete der Tonkunst 10 (1839), S. 47f.).

[2] „Zeit und Ewigkeit”, Zuschreibung ergibt sich aus dem Druck der Chorstimmen aller drei bei dieser Gelegenheit aufgeführten Werke (vgl. Folker Göthel, Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 430).

[3] „Ich danke dem Herrn” (vgl. ebd.)

[4] Vgl. Spohr an Felix Mendelssohn Bartholdy, 28.12.1837.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.04.2016).