Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18370927>

Cassel den 27ten
Sept. 1837

Geliebter Freund,

Ihr 2ter Brief hat mich sehr beschämt und mein schlechtes Gewissen aus dem Schlafe gerüttelt! Ich eile daher 1.) Ihnen für die Übersendung Ihrer Cantate (die ich sogleich nach der Aufführung des Paulus, die Mitte October nun endlich zu Stande kommen wird, mit dem Verein einstudiren werde,) freylich zu danken und 2.) Ihnen einige Nachricht von mir zu geben, deren an musikalischen Neuigkeiten hier ganz fehlt. – Von der Reise kamen wir sehr zufriedengestellt zurück. Das Einzige Verdrießliche, was uns begegnete, war: daß wir in Linz statt der Kleinwächtersschen Familie, die die Reise nach Ischel und Salzburg mitmachen wollte, einen Absagebrief vorfanden, der nur als Grund das Unwohlseyn des alten H. Kleinwächter meldete. In Wien verlebten wir 11 höchst vergnügte Tage, sahen viel Interessantes, hörten aber in musik. Hinsicht nichts bedeutendes, wenn ich nicht etwa die Lanner‘schen und Strauß‘schen Paraden[???] so nennen will.1 In München ging es uns in dieser Hinsicht noch unglücklicher, da wir weder eine Oper noch selbst die Kapelle, die jetzt unter Lachner‘s Leitung die beste in Deutschland seyn soll, gehört haben. Auf den Wunsch des Intendanten sollte ich nämlich Jessonda dirigiren und bereits war dies dem König gemeldet worden, als die Amazili krank wurde und die Oper verschoben werden musste. Nun bat ich Lachner mir seine Preissinfonie zu hören zu geben; er war auch bereitwillig ließ das Orchester zusammen rufen, wie aber alles versammelt war, kam plözlich vom König Befehl, am Abend zu Ehren unseres Prinzen, der damals in München war, ein großes Ballet zu geben. Aus der Sinfonieprobe wurde daher eine Balletprobe die ich nicht mit anhören mogte: Da mein Urlaub schon zu Ende war, so reisten wir noch am selben Tage ab. – In Prag hörten wir am Tage unserer Ankunft zufällig Jessonda.2 Den Berggeist dirigirte ich in 2 Proben3 und die beyden ersten Aufführungen. Sänger und Chor waren vorzüglich, das Orchester, obgleich ich mir in den Proben viel Mühe gegeben hatte, ließ aber wieder zu wünschen übrig. Das Publicum fand aber alles gut und tobte gewaltig. Meine Frau und Therese, nur an unser ruhigeres Publicum gewöhnt, waren ordentlich erschrocken über solchen Beyfallslerm.4
In Wien wurde ich von den Directoren der Concerts spirituels gedrängt, ihnen zur Eröffnung ihrer diesjährigen Winterkonzerte eine Sinfonie zu schreiben. Da ich ohnehin schon mit der Idee umging, für den Winter eine solche Arbeit vorzunehmen, so sagte ich es zu und machte den Plan schon unterwegs im Wagen. Gleich nach der Rückkehr begann die Arbeit, und jetzt liegen alle vier Sätze bereits in Partitur gesetzt zum Abschreiben da. Sobald ich die Sinfonie ein oder zwei Mal probiert habe, werde ich sie nach Wien absenden. Ist sie dann dort gegeben, so werde ich sie auch hier in einem unserer Winterkonzerte zur Aufführung bringen. Ich war sehr erfüllt von dieser Arbeit und mußte mich gewaltig zusammenreißen, um meine Ideen nicht zu weit auszuspinnen. Der Gedanke an die Lachnersche Preißsinfonie (die ich aber immer noch nicht gehört habe,) hat mich davor bewahrt und so überschreitet sie die Länge meiner 3 ersten nicht. Sie besteht aus folgenden Sätzen: Andante grave (c) C dur, Allegro (9/8) C moll. – Adagio (c) As dur. Scherzo (3/4) C dur mit Trio in Des dur – Finale Presto (c/) C moll. – Ich glaube, manche neue Wirkung hineingebracht zu haben, so wie auch manches Ungewöhnliche in der Instrumentierung und bin daher sehr gespannt auf die erste Probe!
Herzliche Grüße von meiner Frau und Therese. Mit wahrer Freundschaft stets Ihr

Louis Spohr

NS. In einigen Tagen erwarte ich meine neuen Instrumente, einen Flügel5 von Streicher für den Saal und ein Tafelförmiges für mich im meinem Zimmer.



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 18.09.1837. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 30.10.1837.

[1] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 30.06.-11.07.1837; Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 178, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 220f.

[2] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 21.06.1837; Spohr, Lebenserinnerungen, Bd. 2, S. 177; ders. Selbstbiographie, Bd. 2, S. 218f.

[3] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 22. und 23.06.1837.

[4] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 24.06.1837, Lebenserinnerungen, S. 177f., Selbstbiographie, S. 220.

[5] Der Flügel befindet sich heute im Spohr Museum Kassel.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.06.2016).