Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18370803>

Breslau d. 3 August 37.
Am Geburtstage unseres hochverehrten
Königs.

Geliebter Herr Kapellmeister!

In der Voraussetzung, daß Sie von Ihrer Reise wieder munter und gesund angelangt sind, bin ich so frei diese Zeilen an Sie zu richten. Auf Ihren, im letzten Briefe ausgesprochenen Wunsch diese Reise wieder mit Ihnen zu machen, habe ich bis jetzt nichts erwiedert, weil ich einsah, es ging diesmal nicht und ich mir mein Herz nicht noch schwerer machen wollte. Wie glückliche Tage hätte ich in Ihrer, der lieben Ihrigen und Kleinwächters Nähe verlebt, ich wäre Zeuge Ihrer Verehrung gewesen, und hätte so von der Ehre ein bischen mit wegbekommen, so wie sich unsre Erde ja auch der wohlthätigen Sonne erfreut, es ging aber nun einmal nicht. Erzählen Sie mir bald recht viel, wie es Ihnen ergangen, und wen Sie alles mit den Silbertönen Ihrer Stradivari beglückt haben. Das letztere dies Jahr entbehren zu müssen, ist mir das Unangenehmste, da man anderswo nicht einmal die leeren Saiten so anstreichen hört, wie von Ihnen.
In acht Tagen reise ich zum Gebirgs-Musikfest nach Waldenburg, 10 Meilen von hier. Es soll 3 Tage dauern.2 Am ersten Abend Quartett. Am 2ten Concert, am 3t Morgen Aufführung nebst Orgelspiel in der Kirche, woselbst auch eine Cantate von mir daran kömmt2; die Partitur folgt mit, und ich bitte Sie ergebenst um Ihr Urtheil darüber. Die Instrumentation ist für die Kräfte unserer gewöhnlichen Sonntagsmusik bei Bernhard berechnet, bei mehreren Blasinstrumenten müssen wir schon Gäste bitten. Sonst ist hier nichts neues musikalisches. Schmidt hat diesen Sommer umsonst seines Liebchens, der Dem. Pistor geharrt, und sich mit einer Lithographie Ihres Portraits verausgabt, währenddem Fräulein Pistor, wie man hier allgemein glaubt, ihn gewaltig an der Nase herumführt. Hauser wird immer phlegmatischer, hypochondrischer, und bastelt so lange an seiner wirklichen guten Geige herum, bis er sie wahrscheinlich verderben wird. Ihr neues Concertino können die hiesigen Geiger immer noch nicht in die Finger bekommen.
Schreiben Sie mir recht bald.
Herzliche Grüße an Ihre Frau Gemahlin, Thereschen etc.

Mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ergebener Verehrer
Adolf Hesse

Erwähnte Personen: Hauser, Franz
Kleinwächter (Familie)
Pistor, Marie
Schmidt, Heinrich Maria
Erwähnte Kompositionen: Hesse, Adolph : Sei uns gnädig, Gott der Gnaden
Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 92
Erwähnte Orte: Breslau
Waldenburg
Erwähnte Institutionen: Stadttheater <Breslau>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1837080331

http://bit.ly/1RVUHw4

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 18.05.1837. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 18.09.1837.

[1] Vgl. „Notizen”, in: Allgemeiner musikalischer Anzeiger 9 (1837), S. 146ff., hier S. 147f.

[2] „Sei mir gnädig, Gott der Gnaden”, Identifikation ergibt sich aus Aufführungsbericht ebd., S. 148.

Kommentar und Verschlagwortung, wenn in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.12.2014).