Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Weimar d 19t Feb. 1837.

Hochverehrter Meister!

Ich erlaube mir Ihnen einen ausführlichen Bericht über die Darstellung und Aufnahme Ihres Meisterwerkes: Zemire u Azor mitzutheilen.
Am Donnerstag wurde die Oper, zum Geburtstag unserer hochverehrten Großherzoging, bei gedrängt vollem Hause, zum Erstenmale gegeben, und gestern wiederholt. - Aus beiligendendem Zettel ersehen Sie die Besetzung. - Knaust war als Azor recht brav, besonders gut hat er die Arie aus C gesungen, die 2te Arie aus E ist hinsichtlich der Coloraturen über seine Kräfte, indessen hat er sich doch gut aus der Affaire gezogen. Die Baum besitzt keine so großartige Stimme, wie die Streit, alleine ihr Vortrag ist so gefühlvoll, ihre Passagen sind so gerundet, ihre Persönlichkeit so liebenswürdig, daß einen nichts zu wünschen bleibt. Ich habe die Romanze von der Rose auch nicht besser vortragen hören, die doch weniger in ihrer Sphäre liegt, als die große Arie im 2ten Act, die sie aber auch meisterhaft gesungen hat. Die Parthie der Lisbe liegt der Streit im Ensemble etwas zu tief; die Götze hat eine leidliche Alt-Stimme, indessen doch noch nicht kräftig genug wie die Parthie der Fatme es verlangt, allein beide haben ihr möglichstes gethan und man konnte zufrieden sein. Ihr Schüler Götze war als Ali charmant, sowohl im Spiel als Gesang. Aus dem Zettel werden Sie sehen, daß wir die Oper in 3 Acten gegeben haben. Der 1te Act schloß mit dem Canon der drei Männer. Der 2te beginnt mir Azors Arie und endigt wie im Original. Maschinerie und Decorationen waren ausgezeichnet. Zum Schluß der Oper erschien ein Fürstenmantel(???), worin der Name Maria heraus[???] zusehen war; eine Wolke, über das ganze Theater, senkte sich herab, über dieser schwebte die Fortuna auf der Weltkugel und streute aus dem Füllhorn Blumen herab. Genien, die früher den Namen Marie buchstabenweise mit einem Rosen(???)-Schaal ausgeführt hatten gruppirten sich um das Bild, und ein dreimaliger Tusch endigte unter rauschendem Applaus u Vivatrufen das Ganze. Zu dieser Scene hatte Hummel einen Satz geschrieben, worin er die Melodie des letzten Chors verwebt. - Bei der ersten Vorstellung wurden die Nummern: 2, 5, 6, 7, 7 zweimal, 9, dreimal 11, 15 u 16 rauschend apllaudirt, bei der 2ten Vorstellung steigerte sich der Beifall u fast alle Nummern wurden aufs lebhafteste aufgenommen.1 Unserer Großherzogin hat die Musik ungemein gefallen; Musiker u Logen sind davon entzückt, und ich fühle mich sehr glücklich, eine Oper zu diesem Feste vorgeschlagen zu haben2, die sich einer so allgemeinen Anerkennung erfreut. Im Namen Aller spreche ich dem Meister unseren Dank für den hohen Genuß aus, den seine himmlischen Töne uns bereitet haben.
Mich und meine Frau Ihnen u Ihrer Gemahlin u lieben Töchtern aufs herzlichste empfehlend bin ich mit wahrer Hochachtung u Verehrung

Ihr
ganz ergebener EGenast.

Erwähnte Personen: Baum, Marie
Götze, Franz
Götze-Müller, Karoline
Knaust, Heinrich
Maria Pawlowna Sachsen-Weimar, Großherzogin
Streit, Wilhelmine
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Zemire und Azor
Erwähnte Orte: Weimar
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Weimar>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1837021943

http://bit.ly/2BPDFkP

Spohr



Vermutlich ist Spohrs Brief vom 26.02.1837 die Antwort auf diesen Brief.

[1] Vgl. „Weimar, im Februar 1837“, in: Allgemeine Theater-Chronik 6 (1837), S. 118f. - Insgesamt gab es vier Vorstellungen (vgl. „Repertoire-Mittheilungen“, in: ebd., S. 381f., hier S. 381; „Weimar, im September 1837“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 39 (1837), Sp. 691f. und 703ff., hier Sp. 691, zur Aufnahme der Oper auch Sp. 692).

[2] Genast hatte bereits 1820 (vgl. „Leipzig. Neujahr bis Ostern“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 22 (1820), Sp. 251-260, hier Sp. 251f.; Eduard Genast, Aus dem Tagebuche eines alten Schauspielers, 2. Auf., Bd. 2, Leipzig 1862, S. 143) und 1826 („Theater-Notizen aus Leipzig“, in: Hesperus 40, S. 1055f. und 1059f., hier S. 1060) in Leipzig als Sander in dieser Oper mitgewirkt .

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.08.2018).